Eine Weihnachtsglosse von unserer Gastkolumnistin Silke Bauer

Leise rieselt der Schnee. Die Kirchenglocken läuten verheißungsvoll, der Duft von Truthahn und Glühwein zieht durch die Straßen. Es ist Heiligabend, der schönste, friedlichste Abend des Jahres. Sollte man meinen. Tatsächlich geht es in einigen Häusern so gar nicht friedvoll zu. In der frei erfundenen Straße, die wir nun im Geiste besuchen werden, haben Selbstjustiz und Anarchie die Oberhand gewonnen. In Haus Nummer vier brennt die Luft. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Herr des Hauses hat die Gasleitung aufgedreht, hastig das Haus verlassen und  den Klingelknopf betätigt. Peng. Seine Ehefrau Ortrud hat nun ein Problem weniger. Sie hatte zuvor über Schüttelfrost geklagt.

Silke

Silke ist Volontärin bei der Rhein-Zeitung. Sie mag schwarzen Humor und schreibt gern lockere Kolumnen und Glossen.

In Haus Nummer zehn wird gerade tranchiert. Leider handelt es sich nicht um den Truthahn, sondern um die Leiche von Detlef W., der seiner Frau Heidrun schon lange ein Dorn im Auge war. Frei nach Loriot verpackt sie seine Körperteile in Geschenkpapier und legt sie unter den Weihnachtsbaum.

Unglückliche Begegnung

Währenddessen sackt die geizige Erbtante Alwine in Haus Nummer dreizehn
röchelnd über ihrem Teller zusammen und klatscht mit dem Gesicht in den Apfelrotkohl. Der Glücksknochen im Truthahn hat ihr kein Glück gebracht. Großneffe Erwin mit dem zuckenden Augenlid packt seine Tante am Dutt, zieht sie aus dem Festtagsgemüse und betrachtet ihr Gesicht. Ihr Teint ist nun rosig, ganz ohne Rouge, doch die Tante hat nichts mehr von ihrer spät erblühten Schönheit. Erwins Auge zuckt in Erwartung einer größeren Erbschaft. Er war es, der den Knochen im Kartoffelbrei vergraben hatte.

Lehnen wir uns nun zurück, atmen tief durch und lassen bei einem Glas Eierpunsch das soeben Gesehene Revue passieren. Was hat die sonst so friedfertigen Zeitgenossen zu illegalen Methoden greifen lassen? Eifersucht, Neid oder Verlustängste? Weit gefehlt. Die falschen Geschenke haben das Böse in unseren Protagonisten entfacht. Die unglückliche Ortrud hatte ihrem Gatten einen fünf Kilo schweren Schwarzwälder Schinken überreicht. Mit Schleife. Doch ihr Ehemann war bereits seit zwei Jahren Veganer. Auch Detlef W. hatte beim Schenken gepatzt. Heidrun hatte sich nicht über den Weight Watchers Gutschein gefreut. Und was Tante Alwine angeht: Die millionenschwere Witwe eines Edelsteinhändlers hatte ihrem Neffen Erwin einen Zehn-Euro-Schein überreicht – mit der Bitte, nicht alles auf einmal auszugeben.

Schenken will gelernt sein

Solcherlei Abscheulichkeiten, obgleich dreist erfunden, hinterlassen ihre Spuren in der überspannten Seele eines Schreiberlings. Es ist Heiligabend und ich habe noch kein einziges Geschenk. Mit Zittern denke ich an die Bescherung. Ich düse mit meinem Auto durch die menschenleeren Straßen. Die Geschäfte haben alle schon geschlossen. Panik macht sich breit. Doch da erblicke ich einen Lichtstreifen am Horizont. Es ist nicht der Stern von Bethlehem, sondern der Verkaufsraum der Tankstelle. Halleluja. Mit einem Tankgutschein und einem Sack Streusalz macht man nie etwas verkehrt. Hoffentlich ist Cousin Erwin der gleichen Meinung.