Der Journalist und Islamexperte Michael Lüders rechnet in seinem Buch „Wer den Wind sät“ mit der Politik des „Westens“ ab: Wie sie die politischen Systeme im Irak und in Syrien zerstörte und so zum Hass auf die USA und Europa beitrug.

Von Agatha Mazur

Die Zahl sagt alles: Es ist bereits die 17. Auflage, in der das Buch von ZEIT-Korrespondent Michael Lüders erschienen ist. Weil das Interesse an der Naohst-Thematik so groß ist. Aber auch, weil sich rasend schnell Dinge und Situationen ändern, sich neue Hintergründe und Einflüsse zeigen.

Wer ist schuld daran, dass im Irak ein politisches System kollabierte und wer ist schuld an der Eskalationsspirale, die Syrien seit fünf Jahren gefangen hält und die Flüchtlinge nach Europa treibt? Journalist Lüders meint die Antwort zu kennen: Der so genannte Westen, vorrangig bestehend aus den USA und Großbritannien, und auch Europa. Weil er sich immer wieder massiv in innere Angelegenheiten der Länder einmischte – unter fadenscheinigen Begründungen. Jeder weiß, dass es letztendlich keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab.

Lüders hat sich vorgenommen aufzuzeigen, wie sich der Krieg in Syrien von einem Bürger- zu einem Stellvertreterkrieg entwickelt hat und wie chaotisch und zersplittert die Lager derzeit ist. Ein Augenmerk des Buches legt er auch auf die Entwicklung des IS: Wie konnte sich der so genannte Islamische Staat ungehindert ausbreiten? Doch nur, weil er auf irakischem Boden nach dem desaströsen Wüten des Westens idealen Nährboden gefunden hat, meint Lüders. Und sich dann in Syrien breit machen und im politischen Niemandsland festsetzen konnte.

Der Sturz Mossadeghs als Sündenfall

Vor allem mit den USA ist dieses Buch eine Abrechnung. Der Sündenfall: Der Putsch im Iran gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh. Nach der Aufteilung der Region nach dem Ersten Weltkrieg wieder ein Überstülpen der amerikanischen Art auf andere Territorien. CIA-Dokumente sollen belegen, wie proaktiv die Rolle der Amerikaner, aber auch der Briten bei dem Ereignis im Jahre 1953 war. Und warum es überhaupt nicht verwundern sollte, weshalb die Iraner die USA und generell den Westen jahrelang so verabscheuten. „Der Begriff ,endloser Krieg‘ ist keine rhetorische Floskel, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung amerikanischer Außenpolitik“, so wirft Lüders den Amerikanern Kriegstreiberei vor und dass sie im Laufe der Jahre nichts aus ihren Fehlern lernen. Immer noch werden Autokraten und Diktatoren der angeblichen „Stabilität“ in der Region willen unterstützt, statt es den jeweiligen Völkern zu ermöglichen, sich selbstständig zu entwickeln.

Doch auch Deutschland kommt bei Lüders nicht gut weg. Die bedingungslose Loyalität Israel gegenüber – bedingt durch die historische Schuld durch den Holocaust – ist für ihn quasi ein Totschlagargument gegenüber jeglicher Kritik an Israel. Und dass es genug zu kritisieren gibt, ist für ihn klar. Das Vorantreibung der Besiedlungen, das Abschotten der Palästinenser in ihren Gebieten, in denen sie eingepfercht sind und das Verhindern einer Zwei-Staaten-Lösung ist für den Journalisten „ein selbstzerstörerischer Weg“. Lüders fragt: „Warum sollte es nicht möglich sein, sich sowohl zur deutschen Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte und deren Opfer zu bekennen, als auch israelische Politik dort, wo sie wissentlich und vorsätzlich rechtstaatliche Grundsätze oder internationale Rechtsnormen missachtet, klar und deutlich anzuprangern?“

Hochkomplexe Materie verständlich erklärt und die Erkenntnis: Es gibt niemals schwarz und weiß

Die 175 Seiten sind keine leichte Gute-Nacht-Lektüre zum Einschlafen. Wer sich beim Lesen nicht konzentriert, kann das Buch nach drei Sätzen wieder weglegen. Es ist durchaus verwirrend, wie sehr Lüders zwischen den einzelnen Ländern hin und her springt, dann erläutert er die Situation in Ägypten, um im nächsten Kapitel wieder in Syrien oder in Israel zu sein. Aber es zeigt: Alles hängt mit allem zusammen. Lüders schafft es, diese hochkomplexe Materie verständlich zu erläutern, ohne viel Fachchinesisch und hochspannend. Niemals kann man all dieses geballte Wissen behalten, aber es hilft, weitere Ereignisse in neuem Licht zu betrachten. Nicht immer muss man seiner Meinung sein, aber das Buch ermutigt, die politischen und geschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen zu hinterfragen – wie sie bei uns häufig dargestellt werden, aber auch grundsätzlich.