Serienteil 1 der Reihe „Was bleibt von Pegida?“

von Melanie Schröder

Als die Pegida-Demonstrationen in Dresden zum Jahreswechsel 2014/2015 ihren Höhepunkt erreichten, blickten bundesweit angesiedelte Medien in die sächsische Hauptstadt. Und auch jetzt, da sich die Straßen Montag für Montag wieder füllen, ist das Interesse an Berichterstattung groß. Doch selten kommen Menschen zu Wort, die in Dresden leben, Wurzeln geschlagen haben und nun in einen Konflikt mit ihrer Stadt geraten, in der sich das zwischenmenschliche Klima nachhaltig verändert hat. Davon berichten heute die Studenten Tobias Siegel und Pia Stendera. Sie studieren an der Technischen Universität Dresden.

Als Tobias Siegel im September 2012 wegen des Studiums aus Halle an der Saale nach Dresden zog, hat er das Studentenleben in Dresden von Beginn an ausgiebig genossen: „Die Stadt hat sehr viel Charme“, sagt Siegel, der Geschichte, Politikwissenschaft und Theologie studiert. Gern trieb er sich in den vielen Studentenclubs herum, zog durch den alternativen Stadtteil, die Dresdner Neustadt, oder traf sich zum Grillen mit Freunden an den Elbwiesen. Natürlich sind diese Aktivitäten geblieben, doch Siegel erklärt auch, dass sich seit den Pegida-Demonstrationen viel geändert hat. Inzwischen müsse man sich in Dresden ganz klar entscheiden: Entweder sei man für oder gegen Pegida.

„Diese Bewegung versteht es zu spalten. Die Stimmung scheint allgemein aggressiver geworden zu sein.“

Pöbeleien und lautstarke Auseinandersetzungen hat der 27-Jährige an Montagabenden in der Straßenbahn selbst miterlebt. Und am Beispiel eines Freundes berührten rassistische Übergriffe auf einmal auch Siegels enges privates Umfeld: „Nicht nur er, sondern auch seine Familie wurde telefonisch und via E-Mail massiv bedroht.“ In der Universität wird ebenfalls über die Bewegung diskutiert. Nachhaltig in Erinnerung ist dem Studenten das Gespräch mit einem Dozenten geblieben. Dieser sagte ihm ganz offen, „dass der Stempel ,in Dresden studiert’ in Zukunft im Ausland, zum Beispiel bei der Jobsuche, definitiv Nachteile bringen könnte“. All das hat sich auf Siegels Wohlgefühl in Dresden massiv ausgewirkt. Und zwar so stark, dass er Konsequenzen ziehen wird. Eigentlich wollte der Student mit seiner Freundin in Dresden sesshaft werden, doch „dieser Gedanke besteht seit Pegida nicht mehr“, gibt Siegel ehrlich zu. Er wird Dresden nach dem Ende seines Studiums verlassen.

Für Pia Stendera, ebenfalls Studentin an der Technischen Universität Dresden, ist das keine Option. Stendera engagiert sich im Fachschaftsrat der Uni und glaubt, dass nur Aktionismus etwas verändern kann:

„Ich positioniere mich klar im öffentlichen Raum, ich positioniere mich in der Studentenvertretung und versuche Projekte Geflüchteter zu unterstützen“, sagt die angehende Soziologin.

Die rasch anschwellende Zahl an Demonstrationsteilnehmern auf Seiten der Pegida hat die gebürtige Brandenburgerin  wie eine die Stadt überrollende Welle empfunden. Sie fragt sich, ob sie aufgrund ihres „fast ausschließlich universitären Umfeldes ein verschobenes Bild von den Dresdnern hatte“. Seit der ersten Pegida-Demo am 20. Oktober 2014 hat Stendera auf der Straße ausgeharrt und sich für ein weltoffenes und buntes Dresden stark gemacht – und das möchte sie auf jeden Fall weiterhin tun.

 

Die vollständigen Interviews gibt es hier: Tobias Siegel und Pia Stendera.

 

 Teil 2: Was bleibt von Pegida? Das sagt ein Musiker der Stadt 

Teil 3: Was bleibt von Pegida? Aus(Sicht) der Zentrale für politische Bildung

Teil 4: Was bleibt von Pegida? Eine Herausforderung in Sachen Marketing