Das Ziel seiner Arbeit ist der Dialog: Frank Richter, Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, möchte die Geschehnisse in Dreden nicht einfach so hinnehmen. Der 55-jährige Theologe mahnt, Pegida-Anhänger nicht vorzuverurteilen.

Serienteil 3 der Reihe „Was bleibt von Pegida?“

Von Melanie Schröder

Als die Pegida-Demonstrationen in Dresden zum Jahreswechsel 2014/2015 ihren Höhepunkt erreichten, blickten bundesweit angesiedelte Medien in die sächsische Hauptstadt. Und auch jetzt da sich die Straßen Montag für Montag wieder füllen, ist das Interesse an Berichterstattung groß. Doch selten kommen Menschen zu Wort, die in Dresden leben, arbeiten und Wurzeln geschlagen haben. Sie befinden sich mitten in einem Konflikt, der ihnen abverlangt sich für oder gegen Pegida zu entscheiden. Einer, der aus beruflichen Gründen der Neutralität verpflichtet ist, analysiert und reflektiert das Phänomen Pegida – Frank Richter ist Leiter der Landeszentrale für politische Bildung.

Frank Richter

Frank Richter steht der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung vor. Er analysiert das Phänomen Pegida unter anderem auf der Basis von etwa 250 Zuschriften. Foto: Detlev Ulbrich

Für ihn ist es zwar berufliche Verpflichtung, aber auch ohne sein Amt hätte Frank Richter nicht am Aufkeimen und der anschließenden Erfolgswelle der Pegida-Demonstrationen in Dresden vorbeischauen können – das hätte ihm sein ureigenes politisches Engagement versagt. Der Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung setzte als Mitglied der Gruppe der 20 im Wendeherbst 1989 den Fuß auf die Straße und gestaltete den Prozess der friedlichen Revolution aktiv mit. Nun hat er die Vermittlerrolle eingenommen.

Der in Meißen geborene und in Großenhain aufgewachsene Theologe steht der politischen Bildungseinrichtung in Dresden seit dem Jahr 2009 vor. Vom Beginn der Protestmärsche an plädierte Richter für einen Dialog mit den „besorgten Bürgern“, die er bei Pegida zum Großteil stranden sah. Ihnen gesteht Richter zu, dass sie teilweise „ernstzunehmende politische Fragestellungen“ zur Sprache gebracht hätten. Und dennoch verkennt er nicht, dass auch rechtsextremistische Hetze bei Pegida sowohl auf der Straße als auch in sozialen Netzwerken eine Rolle spiele. Für den 55-Jährigen, der 1989 miterlebte, wie sich eine Zivilgesellschaft kollektiv mobilisierte, ist das Lautwerden der Bürger grundsätzlich nicht kritisch zu hinterfragen:

„Pegida ist es gelungen, die Bevölkerung in Gänze zu politisieren. Und wenn Menschen sich politisieren, ist das an sich nichts Negatives.“

Da die Bewegung sich aber der Symbolik der friedlichen Revolution bediene, ist auch der Theologe nicht frei von einem gewissen Unmut. Für Richter ist „die Adressierung schlichtweg falsch.“ Er erklärt:

„Vor 25 Jahren war die Demonstrationsbewegung und der Ruf ,Wir sind das Volk‘ eindeutig gegen die Mächtigen im Staat gerichtet. Aber heute richtet sich das Demonstrationsgeschehen gegen eine der schwächsten Gruppen in der Gesellschaft.“

Im Interview zum Nachhören gibt der Leiter der Sächsischen Zentrale für politische Bildung eine umfassende Einschätzung zur „Marketingkampagne Pegida“, wie er es nennt. Diskutiert wird unter anderem woher der Bezug zum Wendeherbst 1989 rührt, wer die Reihen der Pegida-Anhänger füllt und wie man dem Ganzen auch noch etwas Positives abgewinnen kann. Wie jetzt? Heißt das Pegida könnte der Vorbote guter Aussichten sein? Auch Richter ist sich nicht ganz sicher, verweist aber dennoch auf aktuelle politikwissenschaftliche Untersuchungen. Diese setzen sich damit auseinander, „ob man das was in Dresden deutlich geworden ist, nicht vergleichen könnte mit den 68ern im Westen“, erklärt Richter.

Das Interview wurde im Mai dieses Jahres aufgenommen, als zunehmend der Eindruck entstand, dass sich das Phänomen Pegida auflöst. Die Pegidisten schienen an Einfluss zu verlieren. Aus dieser Warte heraus spricht Frank Richter im Interview zum Nachhören:

Pegida und der Bezug zum Wendeherbst 1989

 

Wer füllt die Demoreihen und was bleibt von der Bewegung?

 

Die Suche nach Erklärungen: Warum gerade Dresden?

 

Randnotiz: Für seinen Umgang mit Pegida musste Frank Richter öffentlich auch Schelte einstecken – im Januar entschied sich der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, den Pegida-Köpfen Lutz Bachmann und Kathrin Oertel einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung zu stellen. Diese Aktion stand im Zusammenhang mit einer Terrorwarnung in Dresden, die für einen montäglichen Demonstrationsabend ausgesprochen wurde. „Auf das Bitten der Veranstalter hin habe ich abgewägt und letztlich entschieden, dass das Interesse der Öffentlichkeit an Informationen größer ist als die Frage, ob die Landeszentrale für politische Bildung für diese Pressekonferenz einen Raum zur Verfügung stellen darf“, kommentiert Richter rückblickend. Darüber hinaus habe es keine Ausweichvarianten gegeben. Politiker aus den Parteien Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke übten daraufhin via Twitter Kritik – unter anderem war von mangelnder Neutralität gegenüber Pegida die Rede.

 

Teil 1: Was bleibt von Pegida? Gedanken von Dresdner Studenten

Teil 2: Was bleibt von Pegida? Das sagt ein Musiker der Stadt

Teil 4: Was bleibt von Pegida? Eine Herausforderung in Sachen Marketing