Was sagt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf über den Zustand der Gleichberechtigung aus? Und haben wir es heutzutage nötig, uns mit der Rolle der Frau zu beschäftigen? Wir sagen: Auf jeden Fall!

Ein Kommentar von Agatha Mazur

Wahlkampf in den USA: Mit Hillary Clinton hat das erste Mal eine Frau eine reelle Chance, ins weiße Haus einzuziehen. Die Zeit ist reif. Doch auch wenn Clinton bei den Vorwahlen bereits viele Staaten für sich gewinnen konnte: In New Hampshire haben beispielsweise 84 Prozent der unter 30-jährigen Frauen Bernie Sanders unterstützt. Seitdem durchziehen tiefe Gräben das weibliche Amerika. „Für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen, gibt es einen besonderen Platz in der Hölle“, soll die frühere Außenministerin Madeleine Albright gesagt haben. Doch Hillary nur wählen, weil sie eine Frau ist, wollen einige junge Frauen nicht. „Clinton’s gender is simply not enough to make her a groundbreaker“, zitiert das Magazin Politico eine Wählerin.

Im Grunde genau die richtige Einstellung: In einem Wahlkampf sind politische Agenden und inhaltlich gefüllte Wahlprogramme das einzige Kriterium, nach denen man eine/n Kandidaten/in wählen sollte – nicht körperliche Merkmale. Doch darf und sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig Symbole sind. Der angeblich mächtigste Mensch der Welt, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – mit einer Vagina?! Ein Paukenschlag, geeignet, um Frauen auf der ganzen Welt zu inspirieren und zu motivieren.

Natürlich darf man Symbole nicht zulasten des realen Lebens überbewerten. Was bringt es, wenn die Präsidentin der USA eine Frau ist und dennoch die Durchschnittsfrau bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdient als ihr männlicher Kollege – Stichwort Gender Gap? Geht es den Schwarzen in den USA nun besser, jetzt wo sie mit Barack Obama einen ersten Afroamerikaner an der Spitze stehen haben? Es ist zuallererst ein Symbol, aber die Folgen können nicht hoch genug eingeschätzt werden: Nach Obama wird Hautfarbe bei der nächsten Präsidentschaftswahl kein Thema mehr sein. Deswegen ist es wichtig, dass eine Frau gewinnt: Damit auch das Geschlecht demnächst kein Thema mehr sein wird. Denn dann erst ist es echte Gleichberechtigung.

Baustelle Feminismus

Der Streit darum, ob Frauen ihresgleichen unterstützen sollen oder sogar müssen, offenbart, wie emotional das Thema Gleichberechtigung ist und wie viel noch getan werden muss. Viele junge Frauen distanzieren sich vom Feminismus meinen, dass sie „es“ auch ohne Emma und Co. schaffen werden. Niemand möchte mit lila Latzhosen oder gar mit Alice Schwarzer in Verbindung gebracht werden. Wie Bloggerin Meike Lobo, die in ihrem Artikel auf Zeit Online über den Feminismus herzieht, ihn als hysterisch brandmarkt und als „niemals endende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“. Meike Lobo lästert: „Es ist der gelangweilte, übersättigte Selbstverwirklichungsfeminismus privilegierter Frauen, die kaum noch echten Grund zur Klage haben.“ Falsch! Auch wenn Frauen wie Meike Lobo nicht dieses piefige, angestaubte Image haben wollen und nach einer neuen Bewegung schreien: Die Idee dahinter brauchen sie dennoch. Gleichberechtigung ist kein „nice to have“, der Einsatz dafür kein Zeitvertreib zwischen Latte Macchiato und Yoga, wie Lobo offenbar denkt.

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Weltfrauentag am 8. März: Was bedeutet Feminismus heute? Und brauchen wir ihn noch?

Eng verknüpft ist das Bild der Frau mit dem Muttersein. Es ist heute immer noch so, dass junge Frauen, sobald sie ein Kind bekommen, mindestens ein Jahr oder länger zu Hause bleiben, um sich um ihr Kind zu kümmern. Das ist wichtig und eine schöne Erfahrung (vermute ich: ich habe nämlich keine Kinder). Aber warum ist es denn nicht auch für Männer eine schöne Erfahrung, mal mehrere Monate am Stück zu Hause zu bleiben? Wenn das Kind erstmal von der Muttermilch entwöhnt ist (falls man es überhaupt stillt), spricht doch nichts mehr dagegen. Dennoch macht es kaum ein Mann. Die zwei Monate, okay. Aber die wenigstens Väter nutzen die Zeit für ihr Kind oder um die Frau bei ihrem Wiedereinstieg in den Job zu unterstützen. Die meisten Paare machen Urlaub, reisen herum. Auch das ist schön, hat aber mit Gleichberechtigung rein gar nichts zu tun. Auch Väter, die in Teilzeit gehen, sind immer noch absolute Exoten.

Nun kann man einwenden, dass man sich auch über die kleinen Fortschritte freuen soll, es hat sich ja schon viel getan. Stimmt. Ich kenne das Argument. Und frage mich trotzdem jedes Mal, wenn ich sowas sehe: geht das denn nicht auch anders? Warum schaffen es andere Länder (Beispiel Frankreich), dass Mütter schneller in den Job zurückkommen, dass sich auch Männer um ihre Kinder kümmern (Skandinavien), dass Eltern etwas mehr Last abgenommen wird (Arbeitszeitmodell in Schweden).

Weniger Zwänge für Mütter

Gut, dass sich zumindest beim Mutterbild gerade etwas ändert. Die israelische Soziologin Orna Donath hat bereits 2015 das Phänomen beschrieben, dass Mütter ihre Kinder lieben und dennoch ihre Mutterschaft bereuen können. Andere Autorinnen haben nachgezogen und reden über das mütterliche Gefühlsdilemma und das klischeehafte und überfordernde Mutterimage, was hierzulande vorherrscht. An der überwältigenden Resonanz sieht man, dass die Autorinnen einen Nerv getroffen haben. Weniger überzogene Erwartungen an die Opferungsbereitschaft von Frauen würden das ganze Thema Kinder & Erziehung deutlich entspannen – und den Frauen Freiräume schaffen.

Aber das Thema zeigt auch, dass sich der Feminismus gewandelt hat. Früher schien es ein Kampf gegen Männer zu sein, es wurde gerungen um Pfründe und Macht. Mittlerweile finden sich Frauen und Männer nicht (zwingenderweise) auf der anderen Seite des Schützengrabens wieder. Es geht mehr und mehr darum, gemeinsam Lösungen zu suchen: Als Paar, als Eltern, in einer sich rasend schnell wandelnden Gesellschaft.

Doch nachgeben oder unterkriegen lassen dürfen wir Frauen uns nicht. Es wurde viel gewonnen, aber wir dürfen nicht zulassen, dass pragmatische Gründe uns das Gewonnene wieder wegnehmen. Der Mann verdient mehr als die Frau? Ist doch kein Grund, keine Vätermonate zunehmen, dann spart man halt etwas, beziehungsweise dann sollte es Aufgabe der Gesellschaft sein, für einen Ausgleich zu sorgen oder finanzielle Anreize zu setzen. Wir fördern Elektroautos, warum fördern wir keine Gleichberechtigung?  Das wären dann keinesfalls reine Symbole, das wären Maßnahmen, die den Feminismus endlich ins 21. Jahrhundert hieven würden.

P.S. Ich glaube, ich würde Hillary wählen.