Dehnt man seinen Reiseradius abseits von Europa oder beispielsweise Nordamerika aus, so stößt man schnell auf Länder, deren Regierungen Menschenrechte oder Pressefreiheit mit Füßen treten. Immer wieder stellt sich Agatha die Gretchenfrage: Darf man in solchen Ländern Urlaub machen?

Von Agatha Mazur

Ich war bereits in China, der Mongolei, Russland und in Aserbaidschan – alles Länder, die wahlweise Menschen unterdrücken, inhaftieren und foltern, Journalisten verfolgen oder sogar möglicherweise umbringen lassen oder zumindest Wahlen nicht einwandfrei ablaufen lassen. Unterstützt man diese Regimes, wenn man dorthin fährt? Berichtet man drüber und macht man sogar Werbung für dieses Land? Oder sollte man solche Länder strikt boykottieren?

Zuallerst sei gesagt: Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage, jeder muss sie für sich selbst entscheiden.

 

Warum man dennoch in solche Länder reisen sollte:

  • Man unterstützt die Menschen vor Ort, die möglicherweise auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen sind.
  • Man kann ja auch kritisch darüber berichten und die Situation beleuchten, Menschen aufklären und sie anregen, mehr über die politische Situation in Erfahrung zu bringen. Je mehr Leute von solchen Situationen wissen, umso größer die Chance, dass sich das auch in Taten niederschlägt.
  • Reiseblogger Clemens Sehi hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt, er war viel im Iran unterwegs. Er stellt in seinem Blog Anekdotique provokant die Gegenfrage: Warum in die USA reisen? Auch dort gibt es die Todesstrafe, und Guantanamo ist alles andere als ein Hort der Menschenrechte. Er plädiert dafür, Reisen als das anzusehen, was es letztendlich ist: In fremde Kulturen eintauchen, Menschen kennenlernen und sich selber ein Bild vor Ort machen.
  • Weg vom politischen, moralischen Denken. Viele Länder, ja eigentlich jedes, hat eine reiche Kultur und tolle Natur. Ist das diktatorische und Menschen unterdrückende Regime nicht nur ein Wimpernschlag in der Geschichte? Das soll in keinster Weise kleinreden, was mit den Menschen vor Ort passiert, oder verharmlosen oder entschuldigen. Diesen Eindruck will ich um Gottes Willen vermeiden! Das soll nicht höhnisch klingen in den Ohren derer, die auf Besserung und Hilfe von außen (und möglicherweise von uns, von Europa) hoffen. Aber sich als neugieriger Mensch alte Stätten, faszinierende Menschen oder exotische Traditionen anschauen und kennenlernen zu wollen halte ich nicht für verwerflich.

 

Der Jekaterinenpalast in Sankt Petersburg: Wladimir Putin ist definitiv kein "lupenreiner Demokrat". Daher lieber einen Bogen um Russland und seine kulturellen Schätze machen?

Der Jekaterinenpalast in Sankt Petersburg: Wladimir Putin ist definitiv kein „lupenreiner Demokrat“. Daher lieber einen Bogen um Russland und seine kulturellen Schätze machen?

Warum man sich möglicherwiese dagegen entscheiden sollte:

  • Berichtet man über seine Erlebnisse im jewiligen Land, bringt das dem Diktator/Tyrann/Herrscher Aufmerksamkeit, die er nutzen könnte, um sich in Szene zu setzen? Schwierig, das eine auf das andere zurückzuführen.

Ihr seht, eine vielschichtige und komplizierte Frage. Ihr seht auch: Ich reise nunmal in Länder, deren Regimes Menschenrechte verletzen und vertrete daher natürlich auch die Position, dass es moralisch erlaubt ist. Und dennoch finde ich es super wichtig, darüber nachzudenken und das immer wieder von Neuem zu diskutieren. Eine Bekannte meinte letztens auf mein Argument hin, dass man doch auch was verbessern könnte, indem man über die Situation vor Ort schreibt und aufklärt: „Bei welchem Land hat das denn schonmal geholfen?“ Da bin ich nachdenklich geworden und muss gestehen: Auf Anhieb ist mir in der aktuellen Weltgeschichte nichts eingefallen. Ich werde trotzdem weiterreisen und weiterberichten.

 

Im September war ich eine Woche auf einer Pressereise in Aserbaidschan. Ein spannendes Land, mit dem ich mich intensiver beschäftigen wollte. Herausgekommen ist die Serie, die mit dem aktuellen Teil ihren Abschluss findet:

Teil 1 Analyse: Interview mit Kaukasus-Experte Uwe Halbach über die politischen Entwicklungen in Aserbaidschan. Wo will das Land hin: Europa? Russland? Oder möchte es sein eigenes Ding machen?

Teil 2 – Die Bloggerin: Arzu Geybulla ist Freelancerin. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und wurde wegen ihrer kritischen Berichterstattung bedroht und angefeindet. Mittlerweile lebt sie in der Türkei. Was denkt sie über Aserbaidschans Beziehung zu Europa und was wünscht sich die junge Journalistin für ihr Heimatland?

Teil 3 – Lifestyle: Essen & Trinken in Aserbaidschan, welche Anfängerfehler man am Tisch nicht begehen sollte und was meine touristischen Highlights in Baku waren

Teil 4 – Streitfrage: Darf man in Länder reisen, die Menschenrechte verletzen?