Geht das: Ständig zu reisen? Viele Reiseblogger sind gefühlt nonstopp unterwegs. Von einem Land zum anderen. Von einem Kontinent hüpft man zum nächsten, Zeit- und Wetterzonen ziehen vorbei. Für manche Menschen verheißt dieses Leben absolute Freiheit. Doch ist es das wirklich?

Von Agatha Mazur

Ich habe für mich herausgefunden: Reisen ist die tollste Beschäftigung der Welt – man braucht aber zwingenderweise den Alltag als Gegenstück, um die Reisen genießen zu können. Ich bin im Dezember von meiner Weltreise zurückgekehrt. In neun einhalb Wochen ging es über Hongkong, Australien, Neuseeland und Chile einmal um den Globus. Das hab ich geplant, darauf hab ich hingespart, nach so einer Reise hab ich mich gesehnt. Raus aus dem Alltag, mal was komplett anderes sehen und nicht nach drei Wochen wieder am Schreibtisch sitzen zu müssen.

Was ich aber nicht nachvollziehen kann, sind diese semiprofessionellen Reiseblogger, die behaupten, sich nur auf Reisen gut und wie zu Hause fühlen zu können, die nur auf Reisen tolle Erfahrungen machen können und den Alltag scheinbar nicht aushalten (hier geht es zum Artikel auf ze.tt). Das ist nicht mein Grund zu reisen und ich finde es ziemlich affektiert, wenn diese Reiseblogger mit ihrer so genannten Reisesucht kokettieren und so tun, als könnten sie nicht anders.

Die Rollen sind nicht immer klar verteilt: Reisen ist nicht automatisch immer entspannend und Alltag immer anstrengend

Ich mag Alltag. Ehrlich. Alltag hat doch auch was Beruhigendes, was Entspanntes. Reisen kann auch sehr anstrengend sein. Immer aus dem Rucksack leben, jeden Abend sich woanders schlafen legen, ständig planen, organisieren, schauen: Wo muss ich jetzt hin? Im Alltag kann sich dein Hirn mal etwas ausklinken, ausruhen, wenn der Alltag wie eine zufriedene Katze schnurrt, dann hast du alles richtig gemacht. Und wenn diese Reiseblogger sich beschweren, dass ihnen ihr Alltag nicht gefällt und sie deswegen „ausbrechen“ müssen, dann frage ich mich schon: Hey, warum ändert ihr denn nichts an eurem Alltag, wenn er euch nicht gefällt? Nerviger Job? Such dir einen neuen! Ungemütliche Wohnung? Streich doch mal die Wände. Langweilige Wochenenden? Dann such dir doch ein Hobby!

Reisefrust statt Reiselust: Wenn die Abwechslung zur Routine wird, verschwindet der Reiz des Neuen

Ich will aber jetzt nicht über das Leben und die Einstellung fremder Leute richten. Wenn sie es so empfinden und nur auf Reisen zu sich finden können, na dann bitteschön. Für mich wäre das nichts, ständig unterwegs zu sein. Ich habe meine Weltreise ungeheuer genossen und war auch extrem traurig, als sie vorbei war. Aber ich habe mich am Ende auch wieder auf Zuhause gefreut. Das macht doch gerade den Reiz aus: Dieser Wechsel zwischen Alltag und Routine und neuen Reizen und Abenteuer. Nur Alltag wäre in der Tat extrem langweilig, aber nur Reisen? Kann ich mir auch nicht vorstellen. Nach einiger Zeit wäre das dann doch auch irgendwie Alltag…