Eine Kolumne von Melanie Schröder

Bislang habe ich mir in der Rebellenpose ganz gut gefallen. Facebook? Brauche ich nicht, ist mir zu viel Selbstdarstellung, zu viel an eigenwilliger Kommunikation – chatten, obwohl man in der gleichen Stadt wohnt? Verstehe ich nicht, warum nicht einfach in der Kneipe treffen und reden? Zu Recherchezwecken habe ich schon vor sechs Jahren ein Profil angelegt und es ein paar Mal wirklich erfolgreich genutzt. Zum Beispiel ergatterte ich einmal innerhalb von 24 Stunden die Handynummer eines gehypten Sprayers. Das war schon fantastisch. Doch schließlich verwaiste mein Profil. Es ist dem mangelnden Onlineherzklopfen zum Opfer gefallen.

Leiche im Keller

Ich verschuldete einen dieser toten Accounts mit einem körperlosen Profilbild und standardisierter Langhaarfrisur weil weiblich; ohne weitere Fotos, ohne Chronik. Nach meiner Geburt kam direkt das Jahr 2009, dann nichts mehr, nichts mehr und nichts mehr. In der Freundesliste warteten drei traurige Profile geduldig auf Gesellschaft. Und jetzt ist 2015. Das Jahr in dem ich meine persönliche Facebookleiche wiederbelebe.

Sie hat sich nicht lang gewehrt, freute sich wie ein ausgesetzter Hund, der es nicht fassen kann, dass das Herrchen noch einmal zurückkehrt. Mein Profil ist unterwürfig. Es braucht mich mehr, als ich es brauche. Es klatscht Beifall für jeden Freund, den ich hinzufüge, für jedes Bild, das ich hochlade und richtig positioniere. Es dauert nicht lange und ich fühle mich wie ein Neugeborenes. Die ersten Reaktionen auf mein Erscheinen als Gesichtsbuch trudeln ein. Sie reichen sinngemäß von ,Unfassbar, du hier?‘ bis ,Na endlich, schön dich zu sehen‘. Ich versuche mit mühsam lässigem Onlinesprech zu reagieren. Ein holpriger Start, doch nach wenigen Stunden geht es los.

Jäger und Gejagte

Es kribbelt in meinen Fingerspitzen, es rattert in meinem Kopf. Ich durchlaufe verschiedenste Stationen meines Lebens, rufe mir Gesichter ins Gedächtnis von Menschen, die ich irgendwann, irgendwo einmal gesprochen habe. Fällt mir der Name ein, hacke ich ihn in die Suchfunktion, spioniere meine Zielperson aus und schicke die nächste Freundschaftsanfrage raus. Ich bin auf der Jagd.

Mein Profil reibt sich die Hände, denn das Blatt hat sich gewendet. Jetzt bin ich es, der mit großen Augen auf den Bildschirm starrt und hofft, dass sich Neuigkeiten ankündigen. Ich werde fahrlässig und bastele an meinem Titelbild herum, ohne zu bedenken, dass alle via Chronik alles mitbekommen. Zwar bleiben große Peinlichkeiten aus, aber schon die Eitelkeit, mein Profil aufhübschen zu wollen, ist mir unangenehm. Ich bin verhaftet.

Die Nächte werden länger und unkonzentrierter. Unmöglich, eine Doku zu schauen, ohne mal eben Facebook zu checken. Ich scrolle und klicke, like und stalke mich über Stunden hinweg. Netzwerkspezialisten haben mir prophezeit, dass dieser Zwang mit der Zeit nachlässt, aber noch wedele ich mit dem Schwänzchen. Schöne neue Welt. Danke, dass du schon jetzt meinen Horizont erweitert hast – auch wenn mir die Hände gebunden sind wegen der Sache mit den Nutzerdaten. Aber die Kritik am gläsernen Bürger ist ein anderer Hype, der leider noch viel zu aktuell ist, um aufzuspringen.

Randnotiz: Die Anschläge in Paris am Freitag, 13. November, waren das erste Weltgroßereignis, das ich über Facebook mitverfolgt habe. Unbekannt war mir bis dahin die Eigendynamik, die dieses Netzwerk entwickelt – und trotz aller Massentauglichkeit habe ich mein Profilbild nicht in Tricolore eingefärbt. Es käme mir anmassend vor, so weit entfernt vom Schmerz der Angehörigen, so einseitig angesichts all der Menschen auf der Welt, die Ähnliches erleben, ohne kollektive Beileidsbekundungen zu erhalten. Die Welle von Reaktionen hinterließ bei mir ein Gefühl der Benommenheit und ich musste feststellen, dass ich das System Facebook noch nicht recht verstehe: Fühlt es sich nicht irgendwie komisch an, einem Attentat in Paris mit so vielen Toten das Etikett „Gefällt mir“ zu verpassen?

Titelbild: Selbsterstellt mit Piktochart