Ein Forschungsbeitrag von Melanie Schröder

Neues Jahr, neues Glück dürfte es derzeit in manchen Medienhäusern heißen. Ist doch die Hoffnung groß, dass das Jahr 2016 vielleicht positivere und berichtenswertere Ereignisse als 2015 bereithält. Schließlich haben unzählige Jahresrückblicke in den letzten Dezembertagen gezeigt: Es gab kaum etwas Erfreuliches zu schreiben, zu erzählen, zu senden.

Auf den unlösbaren Ukraine-Konflikt folgt das Finanzdebakel in Griechenland, im Mittelmeer ertrinken Hunderte Flüchtlinge, die Angriffe auf Asylunterkünfte erreichen ein unerträgliches, beschämendes Maß, der Tod von Richard Weizsäcker, der Tod von Helmut Schmidt, der Tod von Günter Grass, der Tod von Kurt Masur hinterlassen eine Lücke im Konstrukt der nationalen Identität für ein, zwei, viele Tage.

Only Bad News Are Good News

Es gab also kaum etwas Erfreuliches zu berichten oder sollte man besser sagen, mal wieder und immer noch? Denn sowohl die journalistische Theorie als auch die Praxis in den Medienhäusern kennt seit Langem eine ungeschriebene Handlungsmaxime: Only Bad News Are Good News! Der Medienpsychologe Marcus Pindur bringt die Binsenweisheit in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur auf folgende Formel: „Schlechte Nachrichten werden aufmerksamer verfolgt und auch stärker gewichtet als positive.“

Was die Kommunikationswissenschaft unter dem Begriff Nachrichtenauswahlforschung fasst, führt im journalistischen Alltag zu Fragestellungen wie dieser: „Welche Nachricht ist berichtenswerter, erhält mehr Platz und wird prominenter platziert: Dass ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsfrage Erstaunliches leisten – oder dass der ‚Flüchtlingsstrom‘ Deutschland überfordert?“

Forschungslücke im Visier

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft untersucht Fragen wie diese auf abstrahierter Ebene verstärkt seit den 1950er-Jahren. Sie ist angetrieben vom Wunsch zu klären, warum Journalisten manche Ereignisse eher als andere berichten. Wissenschaftler stießen in empirischen Untersuchungen auf zwölf Nachrichtenfaktoren, die maßgeblich dafür verantwortlich sein sollen, dass Medienmacher Ereignisse als berichtenswert einstufen.

Die Forscher untersuchten die Nachrichtenfaktoren meist auf der Basis der Berichterstattung, das heißt, sie analysierten beispielsweise ganze Zeitungsseiten. Die Krux an diesem Verfahren: Die Wissenschaftler konzentrierten sich nicht auf die eigentlichen Auswahlimpulse der Journalisten, sondern auf das bereits gefilterte Ergebnis ihrer Auswahl.

Onlineexperiment mit Journalisten

Um diese Forschungslücke nicht Forschungslücke sein zu lassen, erarbeitete die Universität Leipzig im Jahr 2014 eine experimentelle Überprüfung. Masterstudenten entwickelten einen Onlinefragebogen, mit dessen Hilfe die Bedeutung von Nachrichtenfaktoren analysiert werden sollte. Dafür wurden Nachrichtenfaktoren in Kurzmeldungen manipuliert. In einer inhaltlich identischen Meldung war ein Nachrichtenfaktor einmal stark und einmal schwach ausgeprägt. 519 Journalisten schätzten ein, wie wichtig sie die manipulierten Ereignisse für die Berichterstattung hielten.

Eine Teilstudie, deren Autorin ich bin, richtete den Fokus auf den Negativismus als Auswahlmotiv. Relevante Fragestellungen lauteten: Beurteilen Journalisten stark negative Nachrichten berichtenswerter als weniger negative? Wie wichtig sind die Faktoren Aggression, Schaden und Kontroverse für Journalisten im Vergleich zu anderen Nachrichtenfaktoren? Und was könnten Gründe für die Dominanz negativer Nachrichtenfaktoren sein?

Relevanz der Studie

Die Erforschung dieser Fragen ist besonders relevant in einer Zeit, in der der Negativtrend der Berichterstattung zunehmend kritisiert wird. Moderne Medienkonzepte, wie das des lösungsorientierten oder konstruktiven Journalismus nach dänischem Vorbild, reagieren bereits auf die gefühlte negativ ausgerichtete Themenauswahl von Journalisten. Hinzu kommen Feldversuche, wie beispielsweise die journalistische Bewegung  „Perspective Daily“.

Die folgende Übersicht charakterisiert die befragten Journalisten der Leipziger Studie.

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Auf einer 5-stufigen Skala sollten die Teilnehmer die Relevanz negativer Nachrichtenfaktoren für die Berichterstattung einschätzen. Die folgende Grafik fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, wie die Journalisten die Bedeutung der Faktoren Aggression, Schaden und Kontroverse im Vergleich zu anderen (in dem Experiment wurden insgesamt zehn Nachrichtenfaktoren überprüft) bewerteten.

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Insgesamt fällt auf, dass die Journalisten zwei Negativfaktoren als eher wichtig bis sehr wichtig bewerteten, lediglich der Faktor Aggression scheint eine ungeordnete Rolle bei der Nachrichtenauswahl zu spielen. Warum ist das so? Um die Dominanz negativer Nachrichtenfaktoren empirisch zu überprüfen, habe ich zwei Hypothesen aufgestellt.

Gründe für die Bevorzugung negativer Nachrichtenfaktoren

Ob Journalisten negative Nachrichten als besonders relevant für die Berichterstattung einschätzen, hängt von ihrem beruflichen Selbstverständnis ab.

Definieren Journalisten ihre Rolle als eine kritikübende und auf Missstände hinweisende, beurteilen sie negative Nachrichten vermutlich relevanter als zum Beispiel serviceorientierte Journalisten oder Journalisten mit einem Interesse an Unterhaltung.

Journalisten, die sich bei der Nachrichtenauswahl stark am Publikumsinteresse orientieren, bewerten stark negative Nachrichten relevanter als weniger negative.

Die These greift Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und Sozialpsychologie auf. Diese Wissenschaftsdisziplinen behaupten, dass der Mensch vor allem solche Ereignisse mit Interesse wahrnimmt, die eine Abweichung vom Normalzustand darstellen. Ereignisse, von denen beispielsweise eine Gefahr für den Einzelnen ausgeht, werden mit größerem Interesse verfolgt als „alltäglich“ anmutende Geschehnisse. Dieses Wissen könnten Medienmacher für sich nutzen.

Ergebnisse der Untersuchung

Die Studie hat ergeben, dass negative Nachrichtenfaktoren tatsächlich ein starkes Argument für die Beurteilung der Relevanz von Ereignissen für Journalisten darstellen. Je höher die Aggression, der Schaden, die Kontroverse eines Geschehnisses umso wichtiger schätzen Journalisten dieses für die Berichterstattung ein. Im direkten Relevanzvergleich schnitt der Nachrichtenfaktor Aggression als am wenigsten bedeutsamer Faktor ab.

Dieses Ergebnis kann jedoch mit dem Störfaktor der sozialen Erwünschtheit zusammenhängen. So könnten Journalisten denken, es werde von ihnen erwartet, den Faktor Aggression abzulehnen – vielleicht weil sie sich ansonsten dem Vorwurf der Skandalisierung, der Effekthascherei oder des Voyeurismus aussetzen würden. Demnach könnte es sein, dass sie den Faktor Aggression weniger wichtig beurteilten.

Die Analyse der Gründe für den Negativtrend zeigte, dass der Faktor Aggression auf einem geringen Niveau vom Selbstverständnis der Journalisten beeinflusst wird. Sehen sie es als ihre vornehmliche Aufgabe an, Kritik zu üben und auf Missstände hinzuweisen, wählen sie eher auch einmal aggressive Ereignisse für die Berichterstattung aus. Für die Auswahl aggressiver Ereignisse scheinen Journalisten also einen zusätzlichen Auswahlimpuls zu benötigen. Diese Vermutung bestätigte sich nicht für die Faktoren Schaden und Kontroverse.

Hinsichtlich der Abhängigkeit vom Publikumsinteresse zeigte sich für alle drei negativen Nachrichtenfaktoren ebenfalls auf einem niedrigen Niveau ein positiver Zusammenhang. Am stärksten fiel dieser bei dem Faktor Schaden aus. Das bedeutet, dass Journalisten eher auch einmal Ereignisse, die einen Schaden thematisieren, die kontrovers oder aggressiv sind, berichten, weil sie davon ausgehen, dass ihr Publikum von diesen Dingen erfahren möchte.

Ausblick

Tagtäglich ereignen sich wesentlich mehr Dinge, als die journalistische Berichterstattung transportiert. Daher ist es interessant, die Mechanismen der Nachrichtenauswahl zu ergründen. Die nicht-repräsentative Untersuchung der Universität Leipzig hat im verkleinerten Abbild aufgezeigt: 1. Nachrichtenfaktoren bilden Selektionskriterien für Journalisten und 2. negative Nachrichtenfaktoren wie Schaden und Kontroverse sind zwei der relevantesten Publikationsgründe.

Das kann für die journalistische Praxis bedeuten: Redaktionen sollten ihre Themensetzung häufiger auf den Prüfstand stellen, ihre Ausgewogenheit diskutieren und sich der Verantwortung ihrer Berichterstattung bewusst sein – schließlich macht es am Ende des Tages doch einen Unterschied, ob zum Beispiel mit den Flüchtlingen nur Probleme kommen oder auch Chancen entstehen.