Ein Jahr ist die Veröffentlichung der israelischen Studie von Orna Donath nun her – über Mütter, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Viele Autorinnen haben nachgelegt, es scheint, als sei ein Damm gebrochen. Bei vielen Bürgern und Journalisten bleibt aber anscheinend ein ungutes Gefühl zurück. Doch warum eigentlich? Akzeptieren wir das Phänomen doch einfach, es wird nicht verschwinden.

Von Agatha Mazur

Dürfen die das? Frauen, die sagen: „Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich keine Kinder bekommen“? Viele haben sich, nachdem die israelische Soziologin Orna Donath vergangenes Jahr eine Studie zu „Regretting Motherhood“ (Mutterschaft bereuen) veröffentlicht hat, zuerst gewundert, dann geärgert, einige haben das Phänomen gehypt, andere haben es geleugnet. Die Reaktionen waren wahnsinnig unterschiedlich, doch alle waren sie eins: Hochemotional. Aber warum sollte es das eigentlich nicht geben: Reue über Elternschaft?

Kinder in die Welt zu setzen, ist ein einschneidendes Ereignis, eins, das das eigene Leben auf den Kopf stellt. Gerade Frauen tauschen ihr bisheriges Leben häufig gegen ein völlig neues ein: Manch eine toughe Managerin wacht als fürsorgliche Breizubereiterin auf. Dass einige erschrocken darüber sind, wie es wirklich ist, ein Kind zu haben, und dass nicht jede damit zufrieden ist, kann man doch nicht verurteilen. Warum sollten die Frauen ihre Elternschaft nicht genauso wie Berufswahl, Heirat oder – ganz platt – die Wahl des Ferienziels bereuen können und dürfen?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung argumentiert, dass die Frauen es vorher gewusst haben sollen, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein. Edo Reents schreibt: „Wer es bereut, Kinder zu haben, hätte sich das vorher überlegen müssen; Anschauung gibt es genug.“

Zwischen gucken und fühlen liegen Welten

Wie schön, dass man gucken kann! Aber nur gucken reicht eben nicht. Wer sich noch nie ein Bein gebrochen, noch nie einen Vortrag gehalten oder noch niemals mit einem anderen Menschen Sex hatte, der weiß eben nicht, wie es sich anfühlt. Gleiches gilt für die Mutterschaft. Daher finde ich es unerträglich heuchlerisch und anmaßend zu sagen: Die Frauen hätten es doch vorher wissen müssen!

Soziologin Christina Mundlos (Autorin des Buchs „Warum Mutterschaft nicht glücklich macht“), die ich für die Rhein-Zeitung interviewt habe, berichtet davon, bei ihrer Recherche in sozialen Netzwerken regelrecht angefeindet worden zu sein. Geht’s noch? Ein Phänomen zu leugnen hat noch niemals irgendwen weitergebracht. Schon gar nicht die Betroffenen. Toleranz und Hilfe sind ja wohl die passenderen Antworten statt Vorwürfe und Stigmatisierung.

Mit den Müttern offen darüber sprechen: Das ist der richtige Weg. Vätern mehr Zeit mit ihren Kindern ermöglichen und diese Gleichberechtigung auch fördern, damit Frauen nicht alleine die Bürde des Elterndaseins tragen müssen: Das ist der richtige Weg.

Im Fernsehen gibt es glückliche und entspannte Mütter zuhauf, nur wo bleiben sie in Wirklichkeit?

Und sich darüber klar werden, woher dieser „Muttermythos“ kommt, der aus allen Müttern angeblich die glücklichsten und entspanntesten Menschen der Welt macht. Andere Länder sind da offensichtlich schon weiter als Deutschland. Sogar im konservativen Polen (!) hat sich bereits vor zehn Jahren (!) eine ähnliche Diskussion entwickelt. Sängerin Agnieszka Chylinska hat nach der Geburt ihres Sohnes in einem Frauenmagazin einen Brandbrief veröffentlicht. Eine Stunde Schlaf am Tag, Brustwarzen, die aussahen, als wäre man nach einer Sado-Maso-Session: „Ratgeber, Zeitschriften, Werbung: Alle lügen sie“, beschwerte sich Chylinska.

In der Tat könnte ein realistischeres, nicht so rosarot und weich gespültes Bild wie aus der Alete-oder-Hipp-Werbung dazu beitragen, dass Frauen ein wirklichkeitsgetreueres Bild von Mutterschaft bekommen. Damit der Schock nach der Geburt nicht so groß ist. Und die, die dann immer noch sagen: „Das ist nichts für mich, ich schaffe das nicht“, die unterstützt die Gesellschaft einfach, statt über sie herzuziehen. Damit hilft man nicht nur den Frauen, auch den Kindern. Die sollte man bei der ganzen emotionalen Debatte auch nicht vergessen.

 

Zum Weiterlesen: „Wenn Muttersein nicht glücklich macht“, Christina Mundlos, mvg-Verlag