Von Melanie Schröder

Liebe. Manchmal ist sie strahlend schön, sodass man zerspringen möchte, manchmal so brutal, dass es schmerzt. Und sie bleibt ein Leben lang. Auch wenn sie mit dem Alter vielleicht nicht mehr in den Extremen zu finden oder zu suchen ist, sondern in klitzekleinen Momenten. Ob als leise Sehnsucht, tragende Säule oder Motivation. Liebe im Alter. Wie fühlt sich das an? Wie denken lebensweise Frauen über das Gefühl, das vielen von uns als allererstes auf der Welt begegnet?

Die Leipziger Dokumentarfilmerin Alina Cyranek ist diesen Fragen in ihrem Film „Ein Haufen Liebe“ auf der Spur. Sie begleitet Esther, Anneliese, Ruth und Ulla mit der Kamera – der Reihe nach 89, 91, 83 und 72 Jahre alt. Kennengelernt haben sich die fünf Frauen im Tübinger Landestheater. Denn dort probt die Theatergruppe Purpur, ein Frauenensemble zwischen etwa 60 und 90 Jahren, für ein neues Stück. Die unterschiedlichen Charaktere und Biografien der Frauen haben Cyranek inspiriert. Und so kam eins zum anderen. Die letzten Bilder sollen in den kommenden Tagen im Kasten sein. Und dann geht „Ein Haufen Liebe“ nach gut einem Jahr reiner Drehzeit in den Schnitt. Ganze 5.600 Euro hat die Filmemacherin via Crowdfunding gesammelt, um ihr Projekt in die Tat umzusetzen. Im Interview erzählt sie von der erfrischenden Gelassenheit des Alters und der ganz unverklärten Liebe.

Regisseurin, Kamera- und Tonfrau Alina Cyranek Foto:  Susann Jehnichen

Regisseurin, Kamera- und Tonfrau Alina Cyranek Foto: Susann Jehnichen

Liebe Alina, warum spürst du der Liebe nach? 

Ich habe die Frauen 2011 kennengelernt und damals auch schon einen Kurzfilm mit ihnen gedreht. Es ging um das Thema Abschied. In den Gesprächen kamen wir dabei immer wieder auf Liebesbeziehungen oder Partnerschaften zu sprechen. Die Frauen haben so unterschiedliche Lebensentwürfe vertreten, dass ich es unheimlich spannend fand, mehr davon zu erfahren. Zudem hat mich interessiert, wie Liebe in der Vergangenheit gelebt wurde. Zum Beispiel während des Krieges oder in den 1960er-Jahren, als es die Pille noch nicht gab. Das ist alles noch nicht so lange her und trotzdem heute kaum mehr vorstellbar.

Du sagst, deine Protgonistinnen vertreten ganz verschiedene Standpunkte. Wie denken sie über die Liebe?

Wirklich ganz verschieden. Ulla ist zum Beispiel 72. Sie ist glücklich verheiratet mit ihrem zweiten Mann. Die beiden führen eine Ehe auf Augenhöhe. Ulla lebt die Liebe, empfindet sie als etwas Wunderschönes und fühlt sich von ihr sehr erfüllt. Ruth (83) hingegen hat den Glauben an die Liebe verloren. Ihrer Erfahrung nach können sich Menschen keine Liebe geben und mit dieser Auffassung hat sie sich arrangiert. Esther (89) ist beispielsweise jetzt gerade ins Pflegeheim umgezogen und sagt: ‚Wenn ich dort jemandem begegne, warum nicht.‘ Und Anneliese (91) erfreut sich an den kleinen Dingen. Wenn sie jemand umarmt oder ihr einen Kuss auf die Wange gibt, dann nennt sie das ihre „Lichtpunkte“, die sie sammelt und genießt.

Wenn man über das Alter und die Liebe nachdenkt, könnte man vermuten, dass „Ein Haufen Liebe“ ein trauriger  Film ist, weil er auch von Abschieden erzählt. Ist dem so?

Es gibt natürlich auch viele tragische Geschichten. Zum Beispiel von dem Einzigen, dem einen Richtigen, der aus dem Krieg nicht zurückkam. Aber dadurch, dass die Frauen mit sich im Reinen sind und die Liebe im Alter anscheinend auch an Romantik verliert, ist der Film nicht melancholisch. Die Frauen sind der Liebe gegenüber gelassen. Außerdem sind sie sehr aktiv. Sie spielen Theater, machen Yoga, Zeichnen, Wandern – das alles macht mir Mut.

 

Ein Blick in Esthers Fotoalbum. Foto: Alina Cyranek

Film zeigt viele Archivaufnahmen: hier ein Blick in Esthers Fotoalbum. Foto: Alina Cyranek

Du sagst, diese Frauen machen dir Mut. Was hat der Film mit dir zu tun?

Doch sehr viel. Ich habe die Frauen lieben gelernt und empfinde einen großen Respekt angesichts ihrer Lebenserfahrung, die auch viele schlimme Schicksalsschläge einschließt. Trotzdem bejahen sie das Leben, das ist wirklich achtenswert. Und letztendlich stelle ich mir die gleichen Fragen wie diese Frauen, obwohl so viele Jahre zwischen uns liegen. Das wirkt auf mich sehr beruhigend. Der Film ist mehr eine Art Dialog und ich erzähle auch viel von mir. In manchen Punkten stellen wir fest, dass wir ganz andere Auffassungen haben und in anderen sind wir ganz nah beieinander.

Hat sich deine Vorstellung von der Liebe über die Dreharbeiten hinweg verändert?

Mmh. Ich glaube auf jeden Fall immer noch an die große Liebe, kann aber vielleicht inzwischen besser akzeptieren, dass es nicht schlimm ist, wenn diese nicht ewig hält.

Dein Film zeigt die Liebe einer Generation, deren Gefühle ja doch weit weg sind, von der heutigen Jugend zum Beispiel. Wie blicken deine Protagonistinnen auf die Liebe, wie sie heute gelebt wird?

Sie sagen doch, dass die Liebe unter den jungen Leuten sehr romantisch aufgeladen ist und durch die rosarote Brille betrachtet wird. Sie stellen auch fest, dass es heute ein sehr starkes Wir-Gefühl gibt und die Eigenständigkeit fast aufgegeben wird, weil viele Paare nach der vollkommenen Verschmelzung zu suchen scheinen. Das ist im Alter wohl nicht mehr ganz so. Das hat ja auch mit den Hormonen zu tun. Auf jeden Fall betrachten die vier die Liebe viel entspannter. Es wird nicht mehr alles so heiß gekocht. Ich finde diese Gelassenheit ganz toll und erfrischend. Und grundsätzlich ermöglicht es der Film schon auch nachzuvollziehen, wie sich ein Wertewandel der Liebe vollzogen hat. Wir sprechen ja viel über die Vergangenheit, die Frauen erinnern sich an die 60er-Jahre, die wachsende Frauenbewegung, das neue Scheidungsrecht, die Einführung der Antibabypille.

Ruth und Magdalene bei der der Theaterprobe Foto: Alina Cyranek

Ruth und Magdalene bei der der Theaterprobe in Tübingen Foto: Alina Cyranek

Eine letzte Frage: Über den Film sagst du selbst, dass du im Zuge der Dreharbeiten verloren Geglaubtes wiedergefunden hast. Was genau hast du gefunden?

Gar nicht so sehr konkrete Dinge, sondern eher Gefühle wie Wertschätzung und Liebe. Ich meine, dass mich die Begegnungen sensibilisiert haben, schöne Dinge wieder stärker zu sehen. Zum Beispiel haben die Frauen erzählt, wie wunderbar frische Blumen für sie sind, weil sie eine absolute Schönheit und Eleganz besitzen. Oder auch Weihnachtsbäume. Ich fand diese eigentlich immer eher kitschig und übertrieben. Für die Frauen birgt der Duft von Tannennadeln aber ein ganzes Universum an Erinnerungen und Gefühlen, die gar nicht so konkret zu benennen sind. Außerdem schließt das Wiederfinden natürlich auch die ganze Historie ein. Das Zurückblicken in die Geschichte hat mir gezeigt, wie glücklich ich mich schätzen kann, ein so selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Erwartungshaltung an eine Frau eine ganz andere. Das alles hat den Film zu einem sehr erfüllenden Projekt gemacht.

 

Kleiner Ausblick

Im Frühsommer soll „Ein Haufen Liebe“ fertig sein. Alina Cyranek wünscht sich insgeheim, dass ihre Doku auf dem  International Documentary Film Festival in Amsterdam Premiere feiert. Auch bei weiteren Festivals möchte sie ihr Porträt über die Liebe einreichen und zusätzlich auf eine kleine Kinotour durch die Republik gehen. Die Filmemacherin hat Regie, Kamera und Ton selbst in der Hand gehabt. Nun entwickelt sie gemeinsam mit dem Komponisten Martin Kohlstedt Musikarrangements. Im Schnitt wird sie von Cutterin Claudia Nagel unterstützt. Das Crowdfunding läuft noch bis zum 21. Februar. Infos dazu gibt es hier.