Ein Kommentar von Melanie Schröder

Das Netz überschlägt sich vor Sympathiebekundungen für Jan Böhmermann. Vor allem jetzt, da der ZDF-Moderator angekündigt hat, in den kommenden Wochen alle Arbeit ruhen zu lassen, erst einmal von der Bildfläche zu verschwinden und Gras über die Sache mit der Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wachsen zu lassen. So liest sich Böhmermanns Facebookstellungnahme zwischen den Zeilen und zeigt: Der Fernsehclown macht einen Rückzieher und demonstriert damit, dass er selbst nicht richtig an das zu glauben scheint, was er da tut.

Jan Böhmermann knickt ein und wird als Popikone, medialer Freiheitskämpfer und genialer Filou gefeiert. Schade eigentlich. Denn denkt man an einen großen Satiriker der Gegenwart zurück, dessen Schaffen untrennbar mit dem Satz „Lieber stehend sterben, als kniend weiterleben“ verknüpft war, so verhält sich Böhmermann irgendwie rückgratlos. Gemeint ist der Zeichner Stéphane Charbonnier („Charb“, 1967-2015), ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Charlie Hebdo. Er bezahlte für seine Überzeugung mit dem Leben und ließ trotz mehrfacher Morddrohungen im Vorfeld nie einen Zweifel an seinem Tun. Hilfe bei einem Repräsentanten der Staatsmacht zu suchen, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Anders Böhmermann: In seinem Schreiben an Kanzleramtschef Peter Altmaier bat er um Berücksichtigung seines künstlerischen Ansatzes – doch was ist dieser wert, wenn der Initiator selbst mit seiner „Kunst“ zu hadern scheint und anstatt den Gegenwind durchzustehen, nur das Wegducken und die Flucht ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung kennt?

Die Redakteure der Satirezeitschrift „Titanic“ haben im Jahr 2012 erahnen lassen, was Haltung ist. Ihr Papstcover zum Vatileaks-Skandal zeigte das Kirchenoberhaupt in eingenässter Robe. Überschrieben war der streitbare Titel mit „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ – die Welle der Empörung war abzusehen. Trotz großer Kritik ketteten sich die Macher der Satire symbolisch an den Hamburger Michel, um ein Zeichen für Meinungs- und Pressefreiheit zu setzen. Böhmermanns Verschwinden kommt dem Gegenteil gleich, obwohl berücksichtigt werden muss, dass dem Moderator auch schärfere Sanktionen drohen als nur eine Rüge des Presserates und das Erwirken einer einstweiligen Verfügung vonseiten des Papstes. Eine Unterlassungserklärung hat Böhmermann zwar nicht abgegeben und damit unterstrichen, dass er sich nicht einschüchtern lässt, aber dennoch wirkt sein Verschwinden, als sei ihm die Courage abhanden gekommen. Dabei muss er doch abgewogen haben: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Böhmerman argumentiert, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, damit die Menschen wieder über die wirklich „wichtigen“ Probleme der Welt sprechen – zum Beispiel Katzenvideos. Der Ernst der Sache soll also dem nächsten Gag weichen, der die Diskussion relativiert. Mit seinem Rückzug schafft der Medienmacher ein Mysterium um seine Person und Aktion und betreibt damit PR in eigener Sache. Die Debatte um Meinungs- und Pressefreiheit kann nicht von ihm gelöst werden, sondern dreht sich weiter um die Fragen: Darf Böhmermann das oder nicht, was macht dieser Auftritt aus einem eigentlich wenig bekannten Mann im deutschen Fernsehen, wo steckt er jetzt und wie wird das alles weitergehen? Als Opfer der Medien hat sich Böhmermann bereits in einer Albtraumsequenz in der vorerst letzten NeoMagazin-Royale-Folge inszeniert – und diese Rolle bedient er weiter. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Entertainer mit seiner Schmähkritik einfach die Gunst der Stunde genutzt hat, um seiner Show aktuellen Gesprächswert zu verleihen und auf den von Extra3 ausgelösten Hype aufzuspringen. Böhmermann kann nicht so naiv gewesen sein, die möglichen rechtlichen Konsequenzen seines Beitrags nicht kommen zu sehen – zumal er eben diese im Vorfeld seiner Schmähkritik ja auch angekündigte. Als Türke konnte man das jedoch nicht sofort verstehen: Weder die Vor- noch Nachrede seines Gedichts war mit türkischen Untertiteln versehen. So hat Böhmermann seine Aktion selbst aus dem Zusammenhang gerissen.

Solang der ZDF-Mann nun nicht mit einem brillianten Comeback alle Zweifler von seinen Steherqualitäten überzeugt, möchte man ihm gegenwärtig nur zu rufen: „Ach komm, sei doch kein Böhmi. Du willst zeigen, wo Meinungsfreiheit in Deutschland endet, dann bleib sichtbar. Dein Verschwinden macht dich unglaubwürdig und angreifbar.“ Irgendwie schade.