Tobias ist 27 Jahre alt. Er studiert Geschichte, Politikwissenschaft und Theologie an der Technischen Universität Dresden.

 

Wie hast du die Stadt Dresden wahrgenommen, als du hingezogen bist?

Dresden ist, verglichen mit den vielen Industriestädten in Ostdeutschland, eine sehr schöne, wenn nicht die schönste Stadt im Osten des Landes. Vor allem was die Architektur und das kulturelle Angebot angeht, bleiben kaum Wünsche offen. Die Stadt hat viel Charme. Außerdem kann man hier das Studentenleben in vollen Zügen genießen, entweder in der Neustadt, in den vielen Studentenclubs oder beim Grillen an den Elbwiesen. Die Nähe zur Goldenen Stadt Prag ist natürlich ein weiterer Vorteil.

Und hat sich dein Empfinden gegenüber Dresden seit den Pegida-Demonstrationen verändert?

Es hat sich definitiv etwas verändert. Es herrscht, so habe ich das Gefühl, seit Pegida ein ständiges Gefühl der Anspannung und Unsicherheit. Das zieht sich durch Freundeskreise, den Unialltag und sicher auch Familien.

Woran liegt das?

Es liegt wohl hauptsächlich daran, dass diese Bewegung versteht zu spalten. Ihr Schwarz-Weiß-Denken überträgt sich auf den Alltag und trennt die Menschen in Pegida-Anhänger und Pegida-Gegner, ein Konsens ist kaum möglich. Entweder ist man dafür oder dagegen. Es wird auf jeden Fall erwartet, dass man sich klar positioniert.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Diese Anspannung kann schon die ein oder andere Freundschaft belasten und führt zum Beispiel uniintern zu vielen kleinen Auseinandersetzungen. Für Dresden als eine weltoffene Stadt ist hier meiner Meinung nach ein großer Imageschaden entstanden – auch, weil die Presse im Ausland oft weit weniger differenziert berichtet und nur selten zwischen Nazi und Pegida-Anhänger unterschieden wird. Die Stimmung scheint allgemein aggressiver geworden zu sein.

Hast du konkrete Situationen erlebt?

Ja, vor oder nach einer Demo streiten Anhänger und Gegner schon einmal lautstark in der Straßenbahn und nehmen dabei nur wenig Rücksicht auf Artikel 1 des Grundgesetzes. Gerade an Montagen ist die Stimmung immer sehr angespannt. Das ist in der ganzen Stadt spürbar. Allgemein scheint der Ton rauer geworden zu sein, das zeigen auch die vielen offen fremdenfeindlichen und hasserfüllten Kommentare in den sozialen Netzwerken sowie die wohl nicht zufällig gestiegene Zahl von Angriffen auf Asylbewerberheime etc. Deutlich habe ich den Hass einiger Pegida-Sympathisanten, der sich vor allem gegen jene richtet, die für ein buntes Dresden einstehen, am Beispiel eines Freundes von mir erfahren. Nicht nur er, sondern auch seine Familie wurden telefonisch und via E-Mail massiv bedroht, sein Foto wurde in nationalsozialistischen Foren geteilt und offen zur Gewalt gegen ihn aufgerufen. Dass er sich dennoch weiter mit aller Kraft für ein weltoffenes Dresden einsetzt, finde ich sehr bemerkenswert.

Reagieren Menschen, die nicht in Dresden leben, jetzt anders auf dich?

Also bei meinen Freunden kann ich keine ungewöhnlichen Reaktionen ausmachen, die wissen ja auch, dass ich seit Jahren hier lebe. Fragen, wie „was ist bei euch los“, kamen natürlich vor allem in der Zeit des Jahreswechsels häufiger vor. Wenn ich zu Besuch in Halle bin, wird viel über Pegida diskutiert, aber das ist auch in Dresden selbst der Fall. Ein paar Freunde aus Australien und England haben wiederum erst durch diverse Facebookposts meinerseits vom Thema mitbekommen, dass ich mittlerweile in Dresden wohne und studiere. Da wurde schon skeptischer nachgefragt, warum ich mir diese Stadt zum Studieren ausgesucht habe. Natürlich gab es da Pegida noch nicht, aber in einigen ausländischen Medien scheint es so dargestellt worden zu sein, dass Dresden eine Nazi-Hochburg ist, wohl auch aufgrund der vergangenen Naziaufmärsche am 13. Februar. Das ist natürlich nicht nur schade, sondern auch gefährlich für den Forschungsstandort Dresden. Ein Professor berichtete mir, dass amerikanische Freunde an dortigen Universitäten die Entwicklung in Dresden sehr genau beobachten würden und dass der Stempel „in Dresden studiert“ in Zukunft im Ausland, zum Beispiel bei der Jobsuche, definitiv Nachteile bringen könnte.

Denkst du darüber nach Maßnahmen zu ergreifen und vielleicht aus Dresden wegzuziehen?

Das ist eine Frage, die ich zum Beispiel mit meiner Freundin häufig diskutiere. Dresden als Stadt ist wunderschön, aber dass hier viele Menschen für rassistische Parolen von Rechtspopulisten anfällig sind, ist kein Geheimnis und auch nichts Neues. Es gab mal die Idee, nach dem Studium hier zu bleiben. Dieser Gedanke besteht seit Pegida nicht mehr, weniger wegen der Bewegung selbst, sondern eher aus dem Grund, dass wir nicht in einer Stadt unser Leben aufbauen oder Kinder großziehen wollen, wo latenter Alltagsrassismus in einem nicht gerade kleinen Bevölkerungsanteil so fest verankert zu sein scheint. Weltoffenheit anderen Kulturen und Religionen gegenüber ist das, wofür eine Stadt und deren Bevölkerung eintreten sollte. Dresden scheint leider, auch und vor allem im Bezug zur sächsischen Innenpolitik der letzten 25 Jahre, eher einen anderen Weg einzuschlagen, doch das ist nicht unser Weg.