Die 1967 geborene Bettina Bunge leitet das Dresdner Stadtmarketing geschäftsführend. Die Niedersächsin studierte an der Universität Münster Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Marketing und Marktforschung und promovierte anschließend. Seit dem Jahr 2009 leitet sie die Geschicke des Dresdner Tourismus, nachdem sie zuvor Gleiches für die Hansastadt Hamburg tat.

 

Bettina Bunge, Sie stammen gebürtig aus Lüneburg und sind aus beruflichen Gründen nach Dresden gezogen. Wie haben Sie die Stadt Dresden kennengelernt?

Als ich vor fast sechs Jahren von Hamburg nach Dresden kam, wurde ich sehr offen und freundlich willkommen geheißen. Dadurch habe ich mich auch sofort zu Hause gefühlt – ein Phänomen, das für mich typisch Dresden ist. Und dann ist da noch diese starke Verbundenheit der Dresdner mit ihrer Stadt, die sich in Stolz wie auch einem großen Interesse an allem, was vor Ort passiert, manifestiert. Über Veränderung wird hier viel diskutiert und auch mal gestritten.

Sie leiten das Dresdner Stadtmarketing als Geschäftsführerin und beobachten Geschehnisse vor Ort genau. Wie hat sich Ihrer Auffassung nach mit den Pegida-Demonstrationen das Leben in Dresden geändert?

Egal, ob im beruflichen Umfeld oder zu Hause: Die Menschen sprechen viel über die Demonstrationen, versuchen Erklärungen zu finden, suchen Gründe und eine eigene Haltung zu den aufgeworfenen Fragen, wie beispielsweise zur Asylpolitik. Sie hinterfragen auch die eigene Haltung Menschen gegenüber, die – aus den unterschiedlichsten Gründen – gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Auch wir als offizielle Dachmarketingorganisation der Landeshauptstadt Dresden wurden und werden immer wieder auf das Thema angesprochen.

Und welches Konzept verfolgen Sie?

Die umfassende Auseinandersetzung mit grundlegenden und aktuellen gesellschaftlichen Fragen empfinde ich als Chance für Dresden, für Deutschland insgesamt. Aktuell zeigen wir Dresdner mit vielen Aktionen, wie gastfreundlich und weltoffen wir auf Gäste und Neubürger zugehen und wie wichtig uns eine internationale Gemeinschaft mit entsprechender Willkommenskultur ist. Es haben sich viele Initiativen – von innen heraus – gegründet, die sich für ein tolerantes Dresden stark machen. Zum Beispiel „WOD. Initiative weltoffenes Dresden“, ein loses Bündnis Dresdner Kulturschaffender.

Semperoper

Die Semperoper wirbt seit Monaten für Menschenwürde und gegenseitige Toleranz.

Sie sprechen von Initiativen, die aus bürgerschaftlichem Antrieb ins Leben gerufen wurden. Gerade das wird der Stadt Dresden mitunter von der eigenen Bevölkerung vorgeworfen: zu wenig Eigenengagement, das eine deutliche Abgrenzung zu Pegida schafft. Was tut das Stadtmarketing konkret?

Wir setzen auch selbst Akzente. Mit der von der Landeshauptstadt Dresden, der
Lokalen Agenda 21 für Dresden,
und der von uns unterstützten Kampagne „Bereichert Dresden“, die Dresdner Unternehmen gestartet haben, soll zum Beispiel, anstelle zu belehren, mit Geist und Augenzwinkern ins Bewusstsein gerückt werden, was die Menschen aller Nationen verbindet. Innerhalb kürzester Zeit ist zudem auch das Kurzfilmprojekt „Wir umarmen die Welt“ als Initiative der Dresdner Tourismuswirtschaft realisiert wurden.

Sie sprechen immer wieder davon, die Toleranz und Weltoffenheit Dresdens in der Öffentlichkeit zu betonen – ist das die Zukunftsstrategie des Stadtmarketings Dresden?

Wir haben uns natürlich mit der Frage beschäftigt, ob und wenn ja wie wir mit unserer Vermarktung auf die aktuellen gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Ereignisse reagieren sollten und uns in Abstimmung mit der Stadtverwaltung entschieden, in zwei Richtungen zu agieren: Wir kommunizieren auf der einen Seite Dresden weiter im Sinne des Markenkerns, im Rahmen unserer Marketingstrategie, also mit den Facetten, die für die Menschen aus dem In- und Ausland die Attraktivität der Stadt ausmachen: schöne Stadt mit großer Geschichte, mit freundlichen und weltoffenen Bürgern, als ein Ort, der immer in Bewegung ist und umfassende Angebote macht. Gleichzeitig setzen wir zum anderen Schwerpunkte neu. Wir stellen mit einer noch größeren Deutlichkeit als bislang die Aspekte konkret dar, die Dresden zu einer weltoffenen, toleranten Stadt machen. Zum Beispiel über Social Media Kanäle wollen wir Geschichten erzählen, Menschen vorstellen, die Vorbild sind für ein gelungenes Miteinander der Religionen, der Kulturen. Dabei wollen wir abbilden und zugleich anregen – zu Weltoffenheit und Toleranz.

Wie groß ist ihrer Meinung nach der Imageschaden, den Dresden durch die Pegida-Demonstrationen erfahren hat?

Durch die andauernde, häufig negative Berichterstattung über Dresden in den letzten Monaten hat der Ruf unserer Landeshauptstadt sicher temporär gelitten. Potentielle Touristen, Wissenschaftler, Studenten und Investoren haben sich gefragt, ob sie weiterhin nach Dresden kommen wollen. Wir sind aber davon überzeugt, dass sich das Image einer starken Marke – und das ist Dresden – nicht von heute auf morgen grundsätzlich verändert. Wir glauben an diese Marke, weil sie eines ist: authentisch. Dresden wird von den vielen Besuchern aus dem In- und Ausland wegen der Schönheit der Stadt, der Historie und nicht zuletzt auch der Freundlichkeit der Dresdner geschätzt. In den vergangenen fünf Jahren konnten wir touristische Rekorde verzeichnen, ein Erfolg, zu dem viele Partner in der Stadt beigetragen haben. Übrigens wiederholen wir wie geplant in diesem Jahr die repräsentative Markenanalyse und befragen Touristen, Studenten, Unternehmer, Wissenschaftler aus Dresden und von außerhalb, um erstmals auch Veränderungen in der Markenattraktivität messen zu können. Dort sind dann auch mögliche Auswirkungen der Demonstrationen auf Image beziehungsweise Marke ablesbar.

Und inwiefern hat die Attraktivität Dresdens bereits gelitten?

In unserer nationalen wie internationalen Vermarktung werden wir teilweise auf das Thema Pegida angesprochen. Bemerkenswert ist dabei jedoch, dass sich primär Partner aus dem Inland zur gegenwärtigen Situation in Dresden erkundigen. Internationale Reiseveranstalter beispielsweise sind vielmehr daran interessiert, welche neuen Angebote die Stadt für Besucher bereithält.