Von Agatha Mazur

Den Kölner Comedian Marius Jung treffe ich im Café Feynsinn in Köln. Jung bestellt sich erstmal einen heißen Tee mit Ingwer und Zitrone: Seine Tochter sei erkältet. So etwas geht in einer Familie ja immer direkt herum. Entspannt sitzen wir gute zwei Stunden zusammen und reden:  Über das böse N-Wort, warum Erwachsene sich manchmal wie Kinder benehmen und was zuerst da sein muss: Die Haltung oder die Sprache. Jung trifft einen Nerv: „Genau das denke ich auch!“ ruft der Mann am Tisch nebenan aus, nachdem er interessiert mitgehört hat zu. Er outet sich als Sonderpädagoge und möchte Marius Jung fast um den Hals fallen.

Marius Jung wurde 1965 als Sohn eines schwarzen US-Soldaten und einer Deutschen in Trier geboren. Nach Schauspielausbildung und Gesangsunterricht trat er auf Kleinkunstbühnen auf und arbeitet mittlerweile als Comedian, Moderator und Coach. Bekannt wurde er durch sein Buch „Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde“, das bei Erscheinen für Wirbel sorgte. Das Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik des StudentInnenrats der Uni Leipzig warf ihm Rassismus vor. Die Begründung: Jung ist rassistisch, da er von Neger spricht und durch eine „stereotype Darstellung“ den nackten schwarzen Menschen auf dem Buchcover zum Objekt macht. “Lächerlich“, sagt Jung. „Meiner Ansicht kann die Bemerkung mit einem gewissen Intellekt auch als satirische Bemerkung erkannt werden.“ Ob sich denn auch Schwarze anderen Schwarzen gegenüber rassistisch verhalten können? Schon, sagt Jung, und wir sind mittendrin in einer Diskussion über Rassismus, Vorurteile und Politische Korrektheit. Und überhaupt? Wie bezeichnet er sich denn? Als Farbiger? „Maximalpigmentierter“? „Mensch mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“, wie es das wohl im Behördendeutsch gibt? „Ich sage Schwarze“, meint Jung.

„Die ganzen Diskussionen bei Political Correctness drehen sich nur um formelle Dinge“

Die Menschen sollten aber aufhören, den Begriffen zu viel Macht zu geben, sagt Marius Jung: „Es ist wie mit der Körperhaltung. Die Körperhaltung folgt der inneren Haltung. Genauso ist es mit der Sprache. Das funktioniert andersrum nicht. Ich kann nicht die Sprache ändern, um die Haltung zu ändern, sondern ich muss die Haltung ändern, um die Sprache zu ändern. Die ganzen Diskussionen bei Political Correctness drehen sich nur um formelle Dinge“, kritisiert er.

Statt einen verbalen Einheitsbrei zu schaffen, müssen wir müssen stärker differenzieren, fordert der Kölner: „Ich glaube, dass es „die“ Schwarzen nicht gibt. Das ist das riesen Problem, das wir unter anderem auch in der Political Correctness haben, dass wir viel zu sehr pauschalisieren und die Leute in Sippenhaft nehmen. Wir reden von „den“ Schwarzen und „den“ Muslimen. Wenn wir nicht differenzieren, haben wir ein großes Problem.“

Man kann seiner Meinung sein, man kann vieles anders sehen: Aber man kann zumindest mit Marius Jung über alles reden, mache ich die Erfahrung.

Das Telefon bimmelt: Es könnte die Kita sein, die Tochter ist ja krank. Nein, Fehlalarm, alles gut. Jung ist in der Zwischenzeit vom Ingwertee zur Himbeer-Lavendel-Limonade übergegangen.

Ein Gutes hatte der Anti-Preis der Uni Leipzig ja durchaus: „ Ich habe dadurch extrem an Bekanntheit gewonnen und an Möglichkeiten, weiter für das Thema zu kämpfen“, sagt er. „Ich darf jetzt ganz viele Statements dazu bringen, sobald das Thema aufkommt und werde als Experte eingeladen. Das ist toll und spannend.“

IMG_20150603_105349In seinem zweiten Buch „Moral für Dumme“ legt der Kölner Comedian nach und zeigt mögliche Grenzen der Politischen Korrektheit auf – provozierend, analytisch und lustig. Jung engagiert sich für die Keniahilfe und bei Projekten, die Hebammen für Afrikanische Staaten finanzieren. Mehr zu ihm auf www.mariusjung.de.