Tag 2 nach dem EU-Referendum, das den (bislang) undenkbaren Ausgang genommen hat: Die Briten haben sich tatsächlich für den Austritt aus der Europäischen Union, für den Austritt aus der Staatengemeinschaft, entschieden. Das bedeutet noch lange nicht das Ende der EU – offenbart aber viel über das Weltbild der Inselbewohner.

Von Agatha Mazur

Die Entscheidung war mehr als knapp und die Analysen offenbaren tiefe Gräben im Vereinigten Königreich: Jung gegen alt, Schotten, Waliser und Nordiren gegen Engländer. Einig sind sich die Briten nicht. Einig sind sich aber alle: Dieser Tag, der 23. Juni 2016, wird als historischer Tag in die Geschichtsbücher eingehen.

Noch ist das Entsetzen frisch, gerade kommen die Außenminister der Länder zusammen und beraten, für nächste Woche sind weitere EU-Verhandlungen angekündigt. Die Medien sind und waren in den vergangenen Tagen und Wochen voll mit möglichen Szenarien – teilweise wurde das Ende der EU beschworen, da nun auch in anderen Ländern Stimmen laut werden, die eigene Abstimmungen fordern, wie Geert Wilders in den Niederlanden.

Die Entscheidung führt nicht zwangsläufig zum Zerfall der EU

Doch Halt, erst einmal durchatmen und paar Mal drüber schlafen, dann sieht die Welt schon wieder anders aus. Dass die Briten nicht mehr in der EU bleiben wollen, bedeutet meiner Meinung nach keineswegs das Ende dieses großartigen Projekts, das den Staaten zu mehr Wohlstand verholfen hat und den Europäern die friedlichste Phase ihrer jüngeren Geschichte beschert hat. Selbst wenn jetzt nun andere Staaten nachziehen würden, bedeutet das keineswegs das Ende dieser Idee. Europa wird gestärkt aus dieser Krise herausgehen, wenn es die Abstimmung als Signal nimmt: als Weckruf, Missstände aus dem Weg zu räumen, Sachen zu verbessern und die EU demokratischer zu machen. Europa braucht eine Reform und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Wenn die EU jetzt zeigt, dass sie selbstkritisch ist und willens ist, sich zu verändern, wird das den Europaskeptikern und Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln nehmen.

Und ganz ehrlich: Schon jetzt offenbart sich doch, dass die Leave-Kampagne in Großbritannien mit falschen Zahlen geworben und die Bürger mit falschen Versprechen gelockt hat. „350 Millionen Pfund pro Woche an die EU – das Geld werden wir in das Gesundheitssystem stecken“, hat die Leave-Kampagne mit ihren prominenten Köpfen Boris Johnson und Nigel Farage getönt. Schon am Tag nach dem Referendum konnte Farage das Versprechen nicht mehr halten und ist kleinlaut zurückgerudert. So eine Farce werden die Bürger, die jetzt noch den Rechtspopulisten zustimmen, hoffentlich als eine solche entlarven.

Niemand weiß, welche Auswirkungen der Austritt auf die Wirtschaft haben wird

Die Entscheidung der Briten muss man respektieren und es muss ohne Probleme möglich sein, ein Land aus der Staatengemeinschaft austreten zu lassen. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen das dann in den nächsten Jahren haben wird, bleibt abzuwarten. Ich befürchte aber, dass die Briten da eher das Nachsehen haben werden. Sie haben ein recht großes Handelsbilanzdefizit, importieren also Waren in einem höheren Wert in die anderen europäischen Staaten, als sie exportieren. Sie sind also auf gemeinsamen Handel angewiesen. Und auch die Aussichten für den Finanzplatz London sind derzeit eher düster.

Die Welt ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durch die Globalisierung zusammengewachsen und verflochten: Dass die Briten – beziehungsweise allen voran die Engländer – denken, sie können alleine bestehen und weiterhin so viel politisches und wirtschaftliches Gewicht haben wie in der Vergangenheit, ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Aufwachen, ihr Briten: Das Empire gibt es nicht mehr. Die Zukunft ist europäisch.