Von Agatha Mazur

10 Uhr in Meckenheim: Es sind jetzt schon gefühlte 30 Grad im Industriegebiet südlich von Bonn. Ich bin heute mit einem Tea-Taster verabredet. Daniel Mack – weißes Hemd, Jeans, graue Schürze – arbeitet bei Teegschwendner. Seit sieben Jahren ist er hauptberuflicher Teeverkoster und macht den lieben langen Tag nichts anderes als schlürfen, schmatzen, spucken. Doch bevor es in den Testraum geht, setzen wir uns in den Konfrenzraum und der 30-jährige Aachener erzählt mir paar Geschichten und Zahlen aus der Welt des Tees.

Daniel Mack ist Teetester mit Haut und Haaren...eher mit Geschmacksknopsen und Riechzellen

Daniel Mack ist Teetester mit Haut und Haaren…eher mit Geschmacksknopsen und Riechzellen

Kostprobe gefällig? Jede Nation hat ihren eigenen Teegschmack. „Die Deutschen sind eigentlich keine Teenation“, erzählt Mack. Hier würde mehr Kaffee als Tee getrunken. Wenn Tee, dann aber guten. Anders als beispielsweise die Briten: Dort würde fast nur Beuteltee gekauft, der günstiger ist als loser Tee. In Deutschland sei die Bereitschaft, für Tee Geld auszugeben, größer. Das ausgerechnet im Land von Aldi, Lidl & KiK, ich bin skeptisch und staune. Mack präsentiert mit Zahlen: Während in Großbritannien lediglich ein kleines Prozent an losem Tee verkauft wird, kaufen die Deutschen 60 Prozent ihres Tees lose ein. In den USA sei der Nutzen von Tee im Vordergrund, plaudert Mack weiter: Abehmen, Entschlacken, danach fragen die Amerikaner. Es soll sogar schon Anfragen nach Tee gegen Cellulitis gegeben haben…

Sogar in arabischen Ländern ist Teegschwendner aktiv. In Kuweit beispielsweise wird meist Schwarz- oder Weißer Tee verkauft, „teurer Tee“, sagt der Teeexperte. Die Deutschen stehen hingegen mehr auf Früchte- oder Kräutertee. In den Ursprungsländern der kostbaren Teeblätter wie China oder Japan ist die Firma aus Meckenheim nicht aktiv. „Sinnlos“, sagt Daniel Mack. Diese Länder hätten eine andere Trinkkultur. In China wird das Teetrinken zelebriert, grüner Tee wird doch mehrfach aufgegossen und aus kleinen Teeschälchen getrunken. In Deutschland macht man sich direkt eine ganze Kanne.

Aber auch hier in Deutschland gibt es Unterschiede beim Teetrinken. Spitzenreiter sind – wie könnte es anders sein – die Ostfriesen. Sogar weltweit haben sie die Nase vorn: Was die Teemenge in Litern betrifft, nicht die Menge der Teeblätter in Kilogramm. Da überholen beispielsweise die Iren und die Briten – alles klassische Schwarzteetrinker. Doch der grüne Tee liege im Trend, sagt Mack, was an den positiven gesundheitlichen Asekten liegen könnte, die man Grüntee zuschreibt.

Heutzutage wird auch mehr Wert auf authentisches Aroma gelegt. Ende der 80er und Anfang der 90er hat man viele Mischungen kreiert: Hauptsache, sie haben gut geduftet. Fantasienamen wie „Sonne des Orients“ waren im Trend. Heutzutage benennt man die Tees eher mit Klarnamen, sodass jeder Kunde sofort weiß, was ihn erwartet. „Die Leute möchten auch wissen: Wo kommt der Tee her?“, sagt Teetester Daniel Mack.

Bis zu 200 Teetassen am Tag probiert der Teeexperte

Doch jetzt rein in die Probierstube. Eigentlich ein unspektakulärer Raum, ein Mix aus Labor, Büro und Kantine. Eine lange Theke bietet Platz für 15 nebeneinander aufgereihte Tassen. Zu jeder Tasse gehört ein Schälchen und eine Pappe, auf der die losen Blätter ausgebreitet sind. „In Hamburg nehmen sie auch Pommesschälchen“, erklärt Daniel Mack und man sieht ihn sich innerlich schütteln. Von beispielsweise 500 Mustern, die die Firma erhält, probiert Mack gemeinsam mit den anderen beiden hauptberuflichen Teeverkostern ungefähr 100. Von denen bleiben dann im Schnitt 10 bis 12 übrig. Harte Auslese. Zwei bis dreimal am Tag machen die sie Theke voll: Bis zu 200 Sorten probiert jeder am Tag. Aber selbstverständlich nicht immer nur neue Sorten, auch jede Charge von Tee, der bereits im Sortiment ist, wird noch verkostet: zur Qualitätskontrolle.

Es geht los: Mack nimmt ein Löffelchen Tee, zieht gleichzeitig Sauerstoff mit ein, schmatzt und schlürft vor sich hin und spuckt den Tee am Ende in ein Gefäß. Appetitlich klingt das nicht, aber wir sind ja nicht zu Tisch. Eine halbe Minute ist es still im Raum, man hört nur den Teeexperten schmatzen, schlürfen und spucken. Dann bin ich dran. Ja, die Schürze nehme ich sehr gerne – bevor ich mich bespucke. Und es ist tatsächlich gar nicht so einfach. Vorsichtshalber frage ich nach einer Serviette. Anfang schlucke ich fast alles herunter, aus Angst, das alles daneben geht. Nach den ersten Tassen fasse ich mir ein Herz und fange auch an zu schlürfen. Dann mit etwas Anlauf in den Bottich spucken. Ich schmecke Unterschiede heraus, allerdings fehlt mir das Vokabular, um sie zu beschreiben.

Jeder Tee wird viermal probiert, bevor er zum Kunden herausgeht, erklärt Mack. Die Tea-Taster kreieren auch neue Mischungen und arbeiten im Einkauf mit. Den ganzen Tag nur Tee trinken. Eigentlich ein Traumjob.

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