Ein Porträt von Melanie Schröder

Endlich kommt er zum Stehen und drückt die Klingel. Er läuft in die Zielgerade ein. Zwar 30 Minuten zu spät, aber eben nicht 31. Ein befreites Lächeln. Moritz‘ Weg führt ins Dachgeschoss. Bei jedem Schritt knarzen die Holzdielen unter seinen Füßen.

In der Wohnungstür wartet ein stattlicher Mann um die 40, die Arme vor dem Bauch verschränkt. Omar, Geschichtsprofessor aus Syrien. Neben ihm wirkt Moritz wie ein vorsichtig gezeichneter Strich. So groß, so hager. Statt einer Jacke trägt er zwei Kapuzenpullover, helle Jeans und Wanderturnschuhe, die schon einige Kilometer hinter sich haben. Moritz erledigt jeden seiner Wege in Koblenz zu Fuß oder mit dem Fahrrad – öffentliche Verkehrsmittel sind ihm zu teuer und unpraktisch. Er ist ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer. Sein Tag beginnt 9 Uhr und endet 19 Uhr. Das kann er nur leisten, weil er derzeit nicht arbeitet. Sein Status? Hartz 4. Zum Glück möchte man sagen, denn ohne Helfer wie Moritz bliebe nichts von der viel beschworenen Willkommenskultur.

Omar ist Geschichtsprofessor. In  Syrien hat er Bücher publiziert. Und hier steht sein Leben momentan still.

Die Begrüßung fällt kurz aus. Kein langes „How are you, everything fine?“ In Omars Zimmer wird Größeres verhandelt. Schnell bringen sie die Laptops zum Laufen und starren konzentriert auf die Bildschirme. Dokumente müssen von A nach B verschoben und benannt werden, weil Moritz in den arabischen Anträgen nicht mehr erkennt als ihre immense Wichtigkeit. Parallel liegen sie auf Deutsch vor. Er muss sie zuordnen. Seitenweise Formulare, die den Familiennachzug regeln. Omars Ehefrau und seine vierjährige Tochter sind noch immer in Damaskus. Im August haben sie sich das letzte Mal gesehen. Dann kam Omar nach Deutschland.

Seit Dezember lebt der Syrer auf etwa 15 Quadratmetern in einer WG mit drei weiteren geflüchteten Männern. Auf dem Schrank ruht der Koffer, mit dem er aufgebrochen ist, um die Situation für sich und seine Familie irgendwie zum Besseren zu wenden. Doch jetzt scheint die Zeit still zu stehen. Im Jahr 2017 hat seine Frau einen Termin auf der Botschaft. Erst dann wird vielleicht der Stein ins Rollen kommen und auch seine Familie in Deutschland Zuflucht finden. Seine Hoffnung legt er in die Hände Moritz‘. Und mit ihm tut dies auch Khamis – ein Freund Omars, der mit seinem kleinen Sohn zu Besuch ist. Ihre Reise nach Deutschland begann im Libanon. Und auch sie warten noch auf Frau und Mutter sowie die Schwester mit dem schönen Namen Ata. „It means Gift from God“, erklärt Omar und erzählt weiter: „Three sons of Khamis died but then his wife was pregnant again. When the child was born, they gave her the name Ata because they were full of graditude to god.“ Khamis, der kein Englisch spricht, versteht dennoch jedes Wort. Wenn er den Namen seiner Tochter hört, weiß er, welche Geschichte Omar Fremden erzählt. Sein Blick wandert erst zum Boden und dann zu seinem kleinen Jungen. Er leidet an einer Blutkrankheit.

Bescheiden im Helfen

Khamis kam mit seinem Sohn nach Deutschland. Seine Frau und seine Tochter leben noch im Libanon.

Moritz hört diese traurige Geschichte nicht zum ersten Mal. Sie ist nur eine erschütternde Wahrheit von vielen, die dem 34-Jährigen während seines Engagements bereits begegnet sind. Von Krieg, Tod, Verlust, Verzweiflung hört er fast täglich. Wie kommt er damit klar? Wie nah lässt er diese Realität an sein Leben in einer Wohlstandsgesellschaft heran? Von der ein oder anderen schlaflosen Nacht erzählen seine müden Augen. Abgekämpft wirkt er, wenn er nicht direkt zu jemandem spricht. In den stillen Momenten, in denen er sich unbeobachtet fühlt. Er gehört einer sozialen Schicht an, die gegenwärtig zu großen Teilen das Wort gegen Menschen auf der Flucht erhebt – bedürftig, am Existenzminimum lebend. Die sich benachteiligt fühlt und mit der Angst kämpft, den Kürzeren zu ziehen. Zum Beispiel bei der Essensvergabe in den Tafeln oder bei der Suche nach günstigem Wohnraum. Aber Moritz ist dieser Egoismus fremd. Seine Motivation zu helfen kleidet er in bescheidene Worte ohne dabei selbstgefällig zu wirken oder die Moralkeule zu schwingen. „Ich habe 15 Jahre in Berlin gelebt und bin dort schon in Kontakt mit der orientalischen Kultur gekommen. Als sich die Situation im vergangenen Sommer zuspitzte, war für mich schon klar, dass ich mich einbringe.“ Jetzt arbeitet Moritz für die Caritas und gründete zudem das Netzwerk „Willkommen im Rauental“, in dem sich Ehrenamtliche des Stadtteils organisieren. Aus familiären Gründen strandete der gelernte Spieleentwickler vor zwei Jahren in Koblenz. In einer Stadt, die er vorher nicht kannte und die sich ihm seit einigen Monaten von einer neuen Seite zeigt. Diese ist weniger greifbar. Sie verbirgt sich hinter Gitterzäunen und Absperrungen, die die Flüchtlingsunterkünfte vom Außen trennen.

Vor wenigen Stunden langte eine Hand durch diese Gitterstäbe und streckte sich Moritz entgegen. Sie gehörte Shikria, einer gestandenen Frau, die vor sechseinhalb Monaten gemeinsam mit ihrem Bruder und dessen Familie in Deutschland ankam. Seit acht Wochen ist die Syrerin anerkannt und sieht nun einem Leben entgegen, „das bei null anfängt“, wie Moritz es nennt. Shikria lebt in einer Flüchtlingsunterkunft im Rauental. Mit haben hier 80 Menschen ein Quartier auf Zeit. Platz für weitere 80 wird geschaffen. Denn derzeit werden Bauabschnitte des Geländes erschlossen, an die bei Errichtung der Asylunterkunft im Juli 2015 noch nicht zu denken war. Künftig sollen vorerst 300 Menschen Zuflucht auf dem Gelände finden.

Shikria ist allein in Koblenz: Sobald es geht, möchte sie zu ihrem Bruder und dessen Familie nach Saarbrücken.

Was (nicht) selbstverständlich ist

Eilig erklimmt Shikria die Stufen in eines der oberen Stockwerke. Moritz folgt und übt sich in Smalltalk. Mit Händen und Füßen und einigen Fetzen Deutsch, Englisch und Arabisch versucht er die Dame in ein Gespräch zu verwickeln. Sie zu motivieren, sie für einen Moment von den ewig kreisenden Gedanken zu befreien, spornt ihn an. Er zeichnet mit den Händen ein Rechteck in die Luft und tut so, als würde er Seiten umblättern. Shikria versteht: Die Mappe mit ihren Papieren ist für den Besuch bei der Krankenkasse wichtig. Sie greift in einen schlichten Schrank, der neben zwei Betten, einem Tisch und einem Stuhl ihr kleines Zimmer füllt. Viel Platz ist nicht, aber es reicht. Stolz präsentiert sie den Ordner und erntet dafür von Moritz einen Daumen nach oben. Er klatscht in die Hände: „Yallah“. Sie lacht darüber und tätschelt ihn am Arm, weil er sich bemüht, ihre Sprache zu sprechen. „Danke“, sagt sie leise.

Seit mehr als zwei Monaten wartet die Syrerin auf ihre Gesundheitskarte. Nun ist sie mit Moritz unterwegs, um bei den Zuständigen nachzuhaken. Gut eine Stunde wird diese Aktion in Anspruch nehmen, in der Moritz wie selbstverständlich seine Handynummer bei der Sachbearbeiterin hinterlässt. „Für Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung.“ Eine Anruferin mehr, die ihn kontaktiert, um Neuigkeiten zu vermitteln oder Dinge abzuklären, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat. Mit denen er aber zu tun haben möchte. Änderungen des Aufenthaltsstatus, Nachfragen des Jobcenters, Hilfegesuche von Flüchtlingen, Spendenangebote, Ehrenamtliche, die Probleme oder Ideen haben… Unablässig klingelt es in seiner Hosentasche. Wenn er selbst einen Anruf machen muss, bittet er andere um ihr Telefon. Eine hohe Rechnung kann er sich nicht leisten und improvisiert deswegen. Ein Entschuldigungsanruf bei Omar – „sorry, I’m a bit late. I will be there in thirty minutes“, eine Rücksprache mit seiner Kollegin Angelika: „Ja hallo, hier ist Moritz. Wir treffen uns 15.30 Uhr mit den anderen. Das schaffe ich, ich bin jetzt noch kurz bei Omar und dann komme ich schnell zu euch.“

Schnell. Dieses kleine Wort dominiert nahezu jede Handlung Moritz‘. Zumindest seine Wege und seine Arbeitsweise. „Ich glaube, ich stehe eher für eine sachliche Willkommenskultur. Je effizienter ich arbeite, umso mehr Menschen haben etwas davon. Dafür trinke ich zwar mal einen Kaffee weniger mit, aber ich versuche auf andere Weise da zu sein, indem ich mich um Papierkram kümmere und organisatorische Aufgaben übernehme.“ Und dafür ist er ständig auf Achse. Zügig bewegt er sich von der Flüchtlingsunterkunft zu den Ämtern, zu Wohngemeinschaften und Freizeitaktivitäten, zwischendurch holt er mit einem Transporter Sachspenden ab und koordiniert Ehrenamtlichen-Treffen. Alles ganz normal. Umso erstaunlicher, dass sich keinerlei Hektik im Zwiegespräch mit Moritz transportiert. Dann ist er der ruhende Pol. Nickt verständnisvoll, bestätigt mit ruhiger Stimme oder widerspricht mit aller Gelassenheit. So auch bei seiner Stippvisite mit anderen Aktiven.

Mehr Realität geht nicht

Ehrenamtlichen-Treffen: Die Initiative "Willkommen im Rauental" berät sich zur Wohnungssuche für Flüchtlinge.

Ehrenamtlichen-Treffen: Die Initiative „Willkommen im Rauental“ berät sich zur Wohnungssuche für Flüchtlinge.

An zwei zusammengeschobenen Tafeln sitzen drei Damen. Auch Regina, Doris und Angelika helfen. Als Koordinator der Ehrenamtlichen nimmt Moritz umgehend die Zuhörerpose ein. Seine Hände ruhen abwechselnd ineinander oder stützen sein Kinn. Sein Oberkörper ist nach vorn gebeugt. Er signalisiert Gesprächsbereitschaft. Neben ihm eine blaue Kladde – sein Stichwortgeber. Punkte, die er heute angehen will. Es geht um die Wohnungssuche. Und vor allem die Probleme bei der Wohnungssuche. Manche Vermieter reagieren sofort abweisend, wenn es um Schutzsuchende als potentielle Mieter gehe, berichtet eine Dame. Moritz rät in dieser Diskussion: „Auch wenn euch jemand abweist – versucht es trotzdem noch einmal. Am Ende eines Monats werden die Vermieter meist gesprächiger, da sie ihre Wohnung vermitteln möchten.“

Er ist Pragmatiker. Für ihn zählt die Frage: Wie kann er den ankommenden Menschen zu Selbstständigkeit verhelfen? Geflüchtete sollten am besten so schnell wie möglich selbst nach Wohnungen suchen und Besichtigungen vereinbaren. Er unterstützt erste Gehversuche in einem Land, das vielen, vielleicht allen vollkommen fremd ist. Ob er empathischer auf die Menschen zugehen sollte? Moritz stellt sich diese Frage, aber er verzweifelt nicht an ihr. Natürlich beschäftigen ihn die Schicksale, aber Lösungen werden nicht allein durch Gespräche gefunden. So seine Haltung. Er versteht sich nicht als Freund, sondern als Unterstützer. Nur daraus könne Gerechtigkeit resultieren – jedem das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zu schenken und niemanden zu bevorzugen. Dazu zählt auch, sich bei schwierigen Fällen nicht aufzudrängen. „Ich habe kein Verständnis dafür, wenn etwas abgelehnt wird, das nun wirklich nicht unzumutbar ist“, betont er im Gespräch mit den Ehrenamtlern. Denn ja, auch das kommt vor. Trotzdem ist es möglich, damit rational umzugehen, ohne umgehend Vorverurteilungen auszusprechen. Hart wirkt das nicht. Eher nüchtern und konsequent in Moritz‘ Art, die Welt zu betrachten.

Auch das geschieht im Hintergrund: Moritz holt seine gespendetes Bett ab.

Auch das geschieht im Hintergrund: Moritz holt mit anderen Helfern Sachspenden ab.

Früher war diese auf Fantasien erbaut. Als Spieleentwickler und Gamer verlief seine virtuelle Realität parallel zu den Geschichten im Real Life. Ähnlich wie beispielsweise bei leidenschaftlichen Cineasten oder Bücherwürmern. Diese Fiktionen sind heilsam – gerade Gamer gestalten aktiv ihr Spiel. Sie füllen eine Lücke, die der Alltag hinterlässt, schaffen einen Raum für Mystik, für Unvorhersehbarkeit, in dem nicht alles kalkulierbar ist und nicht jeder Idee ein bürokratischer Antrag folgt. Dennoch wurden Moritz diese Fiktionen irgendwann zu eintönig. „Ich wollte nicht mehr jeden Tag in die Kiste starren“, erinnert er sich. Mehr Realität als jetzt kann er wohl kaum finden. Spiegelt doch der Tod im höchsten Maß das Leben wider. Jedes Mal wenn Moritz von bewegenden Verlusten hört, vergewissert er sich seiner eigenen Existenz. Er atmet noch, er hat es noch in der Hand.

 

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Warum andere ehrenamtlich helfen? Die Freiwilligen von „Willkommen im Rauental“ erzählen:

Regina: „Seitdem so viele Menschen im Sommer 2015 angekommen sind, gebe ich Deutschunterricht für Kinder. Zunehmend hatte ich dann das Gefühl, dass die Politik die Situation nicht im Griff hat und vor Ort nicht genügend geholfen wird und deswegen engagiere ich mich.“

Doris: „Ehrenamtliche Beschäftigung war in meinem Leben schon immer ein großes Thema. Ich habe eigentlich schon immer überall mitgemacht, zum Beispiel habe ich viele Jahre in der Koblenzer Katzenhilfe gearbeitet. Als dann so viele Flüchtlinge kamen, stand für mich schon fest, dass ich auch an dieser Stelle helfe. ich bin nicht mehr berufstätig, habe Zeit und möchte etwas für die Gesellschaft tun.“

Angelika: „Ich bin Rentnernin und habe ein großes Interesse am Austausch mit anderen Kulturen. Ich freue mich mit Menschen aus anderen Ländern in Kontakt zu kommen und ihnen den Start hier etwas leichter zu machen, mit ihnen zu reden und zu signalisieren: Ihr seid hier willkommen.“