Stellt euch vor, ihr bekommt Geld. Einfach so, ohne arbeiten gehen zu müssen. Man kann sich keine großen Sprünge oder teuren Sachen leisten, aber es langt zum Leben. Würdet ihr dann noch freiwillig arbeiten?

Ein Kommentar von Agatha Mazur

Das ist die Frage, die hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen steckt. Gerade in aller Munde, stehen doch in der Schweiz und in Finnland Volksentscheide und Pilotprojekte an (wenn auch zwei völlig unterschiedliche Modelle und Herangehensweisen).

Dm-Gründer Götz Werner ist hierzulande der bekannteste Verfechter und propagiert bereits seit Jahren sein Modell des Grundeinkommens: 1000 Euro erhält jeder Mensch. Es ist keine Bedingung daran geknüpft, keine Erwartung. Die bekommt jeder einfach so. Wem das nicht genügt, der kann ganz normal arbeiten gehen und sich was dazuverdienen.

Die Gretchenfrage: Wie hälst du’s mit der Arbeit?

Jetzt kommt die spannende Frage: Würden sich die Leute mit den 1000 Euro begnügen, würde hinterher keiner mehr arbeiten gehen – und das System möglicherweise kollabieren lassen? Oder entsteht eine ganz neue Arbeitswelt, in der man viel freier und kreativer mit seiner Arbeitszeit umgehen kann?

Möchte man eine Prognose wagen, kann man sich das Experiment des Vereins „Mein Grundeinkommen“ von Micha Bohmeyer anschauen. Er verlost einmal im Monat ein Jahrespaket an Grundeinkommen: 1000 Euro gibt es pro Monat (steuerfrei übrigens). Davon kann man Miete zahlen, essen, leben. An die 30 dieser Jahrespakete wurden bereits verlost, jeden Monat sammeln sie per Crowdfunding für das nächste. Forderungen und Gegenleistung gibt es keine. Was passiert mit den Menschen? Da gibt es durchaus die, die das Geld kassieren und sich nie mehr blicken lassen. Aber da gibt es auch andere, die sich auf einmal komplett verändern, die ihren Job im Callcenter kündigen und als Erzieher arbeiten (Die Story dazu gibt’s hier).

Ob man diese Erfahrungen auf die komplette Gesellschaft übertragen kann, weiß niemand. Letztendlich werden wir die Antwort erst kennen, wenn das Experiment konkret anläuft. Ja, klar kann die Idee scheitern und auch ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass das auf Anhieb und ohne Probleme klappt. Aber wir sollten es trotzdem ausprobieren – weil in diesem Konstrukt eine riesen Chance liegt.

Nächste Evolutionsstufe in der Arbeitswelt

Die Idee des Grundeinkommens ist deswegen so super spannend, weil es die komplette Gesellschaft auf den Kopf stellt und die so viel beschworene Leistungsgesellschaft aufmischt. Ohne Druck, dafür mit Sicherheit können Menschen viel Energie entwickeln, das könnte sich unsere Gesellschaft zunutze machen. Denn was hemmt die Kreativität und Motivation am meisten? Angst, Unsicherheit, Druck und Stress. Oder wie Götz Werner es in einem Interview mit der FAZ formuliert hat: „Wer die Arbeit nur macht, weil er das Geld braucht, findet jeden Morgen fünf Gründe, nicht aufzustehen.“

Den Leuten, die die Umsetzung für utopisch oder naiv halten, empfehle ich einen Blick in vergangene Epochen: Im Zeitalter der Industrialisierung war schließlich der 8-Stunden-Tag und eine soziale Versicherung für die Arbeiter in den Maschinenhallen ein Traum. Und haben wir nicht große Fortschritte gemacht?

Wie schön wäre es, wenn Götz Werners Zitat Realität werden würde: „Stellen Sie sich vor, Sie laufen durch die Straßen und sehen nur Menschen, die etwas tun, weil sie das aus eigenen Stücken wollen.“ Wäre das nicht die nächste Evolutionsstufe in der Arbeitswelt? Und wo, wenn nicht hier in Europa könnte und sollte man dieses Experiment wagen? Einen Versuch ist es allemal wert.