Eine Glosse von Melanie Schröder

Der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Björn Höcke, hat in der Polittalkshow von Günther Jauch an einem Sonntagabend die Provokation gesucht, indem er eine Deutschlandfahne über seiner Stuhllehne ausbreitete. Die Anwesenden ließ er wissen: „Ich tue dies aus tiefer Liebe zu meinem Land“. Doch wie kam der ehemalige Lehrer nur auf diese einmalige Idee?

Deutschland erwache, Deutschland erwache – Björn Höcke greift schlaftrunken zu seinem Handywecker und tut das einzig Logische: totale Ausschaltung. Mit dem rechten Bein voran schält er sich aus dem Bett. Die Nacht war unruhig. Ein wiederkehrender Albtraum hat den gebürtigen Westfalen geknechtet. Wie ein Parasit sucht ihn sein Lebensscheitern seit Jahren in unruhigen Träumen heim.

Es war am 20. April irgendeines Jahres, als sein größter Traum ausgemerzt wurde. Mit Idealismus hatte er den Lehrberuf ergriffen. Wissen und Bildung betrachtete er als höchste der menschlichen Güter. Doch sein leidliches Auftreten sorgte für Spott in der Schülerschaft. Wenn er an der Tafel schrieb, brach ihm die Kreide ab, in Diskussionen war er argumentativ schwach auf der Brust und mit seinem romantischen Gerede von der Schönheit der deutschen Natur und Schäferhunden machte er sich zum Gespött. Die Kinder witzelten und riefen ihn Bernd, obwohl sein Name doch Björn ist. Seitdem verfolgt ihn ein munterer Kinderchor von Nacht zu Nacht. Aus Schmach und Schande wechselte er in die Politik. Das Endziel: sich Gehör verschaffen.

Ein großer Moment steht ihm jetzt bevor. Ein Gastauftritt im Fernsehen. Millionen von Zuschauern werden ihn vernehmen. Es ist Zeit für eine große Rede. Eine Rede, in der Arbeit, Kraft und Freude steckt. Die ersten Wörter sind bereits geschrieben: Die Gasometer-Rede. Doch so richtig will der ehemalige Geschichtslehrer an diesem Morgen nicht auf Touren kommen. Eine Schreibblockade. Er muss sich dringend aus seiner Steifheit befreien. Ein probates Mittel: Musik. Die feinsinnige Kunst des Triangelspiels hat er in einem jahrelangen Selbststudium erlernt und es mit Fleiß, Fleiß und nochmal Fleiß zu einem passablen Spieler gebracht. Jetzt begleitet er sich beim Singen der ersten Strophe der deutschen Nationalhymne mit dem Schlagwerk. Die Melodie erwärmt sein Herz, die Worte befeuern seine Kreativität. Er nimmt den Stift zur Hand. Eine Rede, eine Rede. Innovativ sollte sie sein, etwas nie zuvor Dagewesenes enthalten und bei alldem nicht belehren, also ohne den erhobenen Arm, äh pardon, Zeigefinger.

Liebe Volksgenossinnen und Volksgenossen. Ich bin es. Bravurös, welch meisterliche Anrede. Der Einfall des Fremden, 1000 Jahre deutscher Volkskörper, eine drohende Entartung, wachsende Angsträume. Gar nicht mal so übel. Den Retrotrend aufgreifen und mit einer Brise Moderne aufpeppen. Blut und Boden, wir setzen unser Land aufs Spiel (#Sarrazin), Eindringlinge sind Bodensatz, jahrelang im deutschen Sozialsystem (#Lucke).

Doch Halt, irgendetwas stimmt nicht. Die sprachlich einwandfreie Rede krankt. Höcke fällt es wie Schneeflocken im tiefsten russischen Winter von den Augen: Alles schon mal gehört. Er, ein Wiederkäuer? Das kann nicht sein. Dem Druck hält er nicht stand, schafft es nicht aus dem Schatten der Geschichte zu treten. Hals über Kopf flüchtet er sich in sein Schlafzimmer. Er rollt sich auf der Bettdecke mit Buchenwald-Druckmuster zusammen. Seine Hände fliehen unter das Kopfkissen, suchen nervös und packen zu: sein Schnuffeltuch. Die zerfledderte deutsche Flagge in der Größe eines Lätzchens ist ihm noch immer Halt und Stütze gewesen. Tief inhaliert er den Duft von Geborgenheit, knetet den Stoff zwischen seinen Fingern und fragt sich, ob sich daraus noch etwas drehen lässt?