Michal Tomaszewski ist Mitglied der Blechbläsercombo Banda Comunale. Das Musikkollektiv engagierte sich bereits zum Beginn der Pegida-Demonstration im Gegenprotest. Für den Klarinettisten, der mit zehn Jahren aus Polen nach Deutschland kam, hat Pegida der Stadt Dresden einen nachhaltigen Schaden zugefügt.

 

Welche Geschichte verbindet dich mit der Stadt Dresden?

Ich bin 1999 zum Studieren nach Dresden gekommen und habe mich hier sehr schnell eingelebt. Dass liegt vor allem an der Band, die ich mit Freunden 2001 gegründet habe – Banda Comunale. Schon damals gab es in Dresden massive Neonaziaufmärsche, der bekannteste ist der 13. Februar zum Gedenken an die Bombardierung der Stadt 1945 gewesen. Schon damals haben wir angefangen, die Gegendemos mit Musik zu begleiten, um das Geschehen etwas fröhlicher zu gestalten.

Und das tut ihr heute bei Demonstrationen gegen Pegida?

Ja. Inzwischen haben wir uns seit Dezember mehr als zehn Mal bei Antipegida-Protesten beteiligt. Im Januar haben wir dann sogar eine eigene Demo angemeldet und den sogenannten Neujahrsputz veranstaltet. Die Idee rührte daher, dass ich um die Weihnachtszeit verstärkt den Eindruck hatte, dass es keinen Gegenprotest geben wird. Unsere Gegendemo sollte quasi zeitgleich mit der Hochzeit der Pegida symbolisch die Straße kehren.

Wofür steht Dresden heute für dich?

Diese Frage stelle ich mir auch. Ich kann nur sagen, dass es irreal ist, was hier passiert. Gerade für jemanden wie mich, der zwar nicht gebürtig aus Deutschland kommt, aber im Westen sozialisiert wurde.

Warum ist die Situation für dich irreal?

Weil Dresden mit einem Ausländeranteil von drei bis vier Prozent nichts mit dem Rest von Deutschland zu tun hat. Es ist absurd, was hier geschieht. Besonders weil im Bekanntenkreis oder auch im Arbeitsalltag Gespräche entstehen, bei denen man sich wirklich an den Kopf fasst und man sich sagt, das kann doch nicht sein. Es kann doch nicht sein, dass ich mich nach 25 Jahren, die ich in Deutschland lebe, hier als Ausländer fühlen und über Sachen diskutieren muss, von denen ich dachte, dass die deutsche Gesellschaft diese für sich erreicht beziehungsweise überwunden hat. Was momentan auf der Straße passiert, geht mir persönlich sehr nahe.

Der Klarinettist ist Teil des Ensembles Banda Comunale, das musikalisch gegen Pegida demonstriert.

Der Klarinettist ist Teil des Ensembles Banda Comunale, das musikalisch gegen Pegida demonstriert.

An welchem Punkt stehst du jetzt persönlich?

Als im Dezember der erste Sternlauf veranstaltet wurde, haben wir vor 9.000 Leuten gespielt. Das war auf der einen Seite ein erhebendes Gefühl, aber es waren auf der anderen Seite eben auch nur 9.000 Leute. Pegida hatte laut Medienberichten 25.000 mobilisiert. Auf Facebook habe ich dann im Nachgang geschrieben, dass ich weg bin, wenn das so weiter geht.

Also sitzt du auf gepackten Koffern?

Es fällt mir schwer das so zu sagen. Anfang des Jahres hat mich meine Frau auf ein Arbeitsangebot in Süddeutschland hingewiesen. Das haben wir jetzt noch einmal ausgeschlagen, aber momentan ist es für uns eine ziemliche Zerreißprobe, weil wir schon drauf und dran sind hier zu verschwinden. Das löst natürlich keine Probleme. Und auch unser großer Freundeskreis hält uns hier. So etwas Erfüllendes wie mit der Band erlebt man kein zweites Mal im Leben.

Wie macht sich Pegida im Alltag bemerkbar?

In zweierlei Hinsicht: Zum einen habe ich schon groteske Situationen beobachtet, in denen sich Alltagsrassismus ganz deutlich zeigt, zum anderen ist man inzwischen selbst so darauf geeicht, genau hinzuschauen und misstrauisch zu sein, dass einen diese Hab-Acht-Stellung ständig begleitet.

Welche konkrete Situation hast du erlebt?

Zum Beispiel vor dem Albertinum (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Anm.). Da stand eine Gruppe von vermutlich indischen Touristen. Ein älteres Pärchen ging vorbei und sagte zu denen ,jetzt ist hier Schluss’ und ,geht mal hier aus dem Weg’. Und dann sind sie durch die Gruppe durchgelaufen und haben den Leuten zu verstehen gegeben, dass sie irgendwie minderwertig sind. Das ist echt zum Kotzen.

Was müsste sich in Dresden ändern?

Es muss nicht nur das rechte Gedankengut aus den Köpfen, sondern es müssen sich auch Menschen hier ansiedeln, die etwas verändern. Es ist nicht damit getan, den Menschen klar zu machen ,Ihr seid auf dem rechten Auge blind’, es müssten sich auch Menschen mit Migrationshintergrund hier niederlassen wollen – nur so wäre ein gesellschaftlicher Umbruch möglich. Aber dieser Aufgabe hat sich Dresden 25 Jahre nicht gestellt. Bisher gab es keine Migrationswelle, die in Ostdeutschland angekommen ist.

Wer ist deiner Meinung nach auf der Straße?

Musik verbindet: Das Bläserensemble lässt Dresdens Straßen tanzen. Foto: Homepage www.bandacomunale.de

Musik verbindet: Das Bläserensemble lässt Dresdens Straßen tanzen. Foto: Homepage www.bandacomunale.de

Auf jeden Fall keine Islamkritiker. Das ist ja nur eine Erfindung. Die verdammen eine Religion und kritisieren nicht. Zudem gibt es doch hier eigentlich auch keine oder nur eine verschwindend geringe Teilhabe von muslimischen Menschen am Dresdner Leben. Das sind Gedankenexperimente und Ängste, die mit der Realität in der Stadt gar nichts zu tun haben. Es gibt hier keine Gettos. In Berlin mag das anders sein – da gibt es Subkulturen vieler Couleur und diese fordern eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben öffentlich ein, aber davon kann man ja in Dresden nicht sprechen. Es hat sicher auch viel mit der Wiedervereinigung zu tun.

Wie meinst du das?

Nach den letzten Monaten muss ich sagen, dass die ganze Bewegung wenig mit Asylsuchenden zu tun hat. Das ist mein Eindruck. Mit dem Herbst 1989 ist ein ganzes politisches System zusammengebrochen, mit dem sich die Leute hier identifiziert haben. Und dann wurde vieles nur schlecht gemacht, abgewickelt und bedankt hat sich schon gar keiner. Wenn Tatjana Festerling heute ruft ,Wir ziehen die Mauer wieder hoch’ und die Masse stimmt dem brüllend zu, dann denkt man sich im Stillen, dass die Leute irgendwie paranoid sind. An meinem Arbeitsplatz musste ich das auch feststellen. Die Menschen haben in den letzten 25 Jahren an einem Aufschwung teilgehabt, aber trotzdem haben sie sich nicht in diese Bundesrepublik integriert. Irgendwie sind das auch Integrationsverweigerer. Man kann natürlich diskutieren, ob das in Ordnung war, wie damals alles gelaufen ist, ob man nicht hätte mehr aus der DDR übernehmen können oder ob man die Angliederung anders hätte gestalten können. Jetzt, 25 Jahre später, ist es aber einfach zu spät.

Hat dich Pegida zu einem politischeren Menschen gemacht?

Nein, auf keinen Fall. Mein Engagement und meine Überzeugung für Offenheit und Toleranz ist schon sehr viel älter. Außerdem hat Pegida ja auch nichts Neues in dem Sinne aufgezeigt. Nur mit dem Pegida-Selbstverständnis als bürgerlicher Protest kann sich die breite Masse eben viel besser identifizieren. Ich würde die Anhänger auch nicht als Nazis, sondern als neue Rechte bezeichnen. Dennoch hinterfrage ich meine Rolle in diesem Staat jetzt noch intensiver: Bin ich Deutscher oder nicht? Aber ich beantworte diese Frage nicht, sondern die Gesellschaft tut es. Eine wirkliche Integration findet doch nicht statt. Andere Kulturen gehören immer nur auf subkulturelle Weise zu Deutschland. Selbst wenn du hier sozialisiert wurdest, kannst du als Einwanderer noch solange hier leben, du kommst nicht in der Gesellschaft an, du wirst kein vollwertiger Teil der Gesellschaft.

Wie lautet dein Fazit und deine Prognose?

Die Stadt hätte meiner Meinung nach noch mehr tun müssen. Die OB-Kandidaten zum Beispiel haben sich doch erst im Wahlkampf zum Teil öffentlich gegen Pegida ausgesprochen. Niemand wusste so recht zu reagieren, da man ja auch die Wähler nicht verprellen wollte. Das Image Dresdens ist im Arsch. Und meine Prognose: Es würde mich nicht wundern, wenn sich Pegida noch zu einer Partei formiert.